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Über Ethik

Ich finde überhaupt ethische Debatten einfach nicht sinnvoll. Es sind letztendlich Sprachakte, die aus sind Menschen zu tadeln oder zu loben. Wie begründet auch immer. Daraus werden heute ganze Weltanschauungen gebaut, z.B. Leute, die „ethischen Konsum“ einfordern, dann Leute die „gegen Sexismus“ sind, Leute die gegen „rassistischen Inhalt“ sind.

So inhaltlich sie auch richtig mögen – und ich gehe da weit mit –, so sehr moralisieren sie bloß mit ihrer Diskurspraxis. Dabei gelte es doch gesellschaftliche Kritik zu üben, die – eben gesellschaftlichen Horizont hat. Was da an Festivals für „Kritik“ geübt wird, das betrifft einen partikularen sozialen Raum, der bestimmte Handlungen lobt und tadelt.

Ist diese Perspektive nicht allzu eingeschränkt? Es reicht nicht das Ganze zu erwähnen und dann seinen partikularen Blickwinkel weiterzuführen. Man muss mit dem Ganzen endlich mal ernst machen und allgemeine Kritik üben. Das Wichtigste: sich aber stets bewusst sein, dass man sich in der Gesellschaft zu der Gesellschaft verhält. Diese selbst ernannten „Kritiker“ missverstehen allzu oft ihre soziale Rolle, maßen sich an die „allzumenschlichen Moralgesetzverstößer“ zu belehren.

Dabei gelte es doch diese partikularen Ereignisse, an denen sich das Unbehagen entwickelt, zu einer allgemeinen Theorie zum Begriff zu erheben. Diese Theorie ist das allgemeine Unbehagen in der Gesellschaft, nicht bloß jenes Monieren dort, dieses Lamentieren hier.

Zudem gilt bei diesen ethischen Debatten noch eins zu bedenken: die moralisch ausgebildete und theoretisch versierte Urteilskraft übersieht bei ihrer vernichtenden oder doch mindestens abgrenzungszielstrebenden Kritik ihre eigene Abgrenzung vom O b j e k t d e r K r i t i k. Dieses Objekt der Kritik ist doch gerade der Gegenstand der Auseinandersetzung. Einfach zu sagen: sie entsprechen nicht meinem emanzipatotischen Ideal ist so viel wie: dieses Theaterstück gefällt mir nicht, ich gehe nach Hause.

Es ist grundbürgerliche Kritik, die nicht erkennt, dass die Kritik selbst schon so schlecht ist wie das Objekt der Kritik. Das Kritikersubjekt wähnt gegenüber seinem Objekt erhaben, doch sieht nicht, dass es – in dem es das Objekt erkennt – in das Objekt eintaucht. So wie der Satz „Gott ist das Sein“ nicht nur meint, dass Gott ist, sondern dass das Sein auch göttlich ist.

Damit folgt auch: die Kritik – und damit das vollziehende Subjekt – muss sich im Klaren sein, dass sie nie besser als das kritisierte Objekt ist, so lange sie nicht über das Objekt hinaus ist. Aber dazu müsste sich das Objekt erst einmal ändern. Es müsste sich über die Kritik erheben, sie aufheben – sie obsolet machen. Das war Adornos Einsicht, die heute so unendlich im Satz „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ verschwommen wiederkommt. Das ist kein Freifahrtschein zur Resignation, sondern fordert die Anstrengung des Negativen auf sich zu nehmen, sich radikal mit der Welt in eins zu setzen und die Welt als das Unbehagen, das noch einmal im Subjekt pulsiert, zu erfahren und die Kritik schließlich an die Welt zu richten, wohin sie verdammt nochmal auch gehört.

Es ist die banale Einsicht: hat man sich von einem Teil der Welt abgewandt, weil sie dem Ideal nicht entspricht, so hat man vielmehr einen Teil der Welt verloren. Dabei gilt es hinzuschauen, „beim Negativen zu verweilen“. Es permanent in den geistigen Prozess zu integrieren, nicht für ein abgekatertes Spiel zu erklären, sondern dem Elend ins Anlitz zu gaffen.

Ethische Kritik verweilt bloß beim Subjekt (bei sich selbst), versteht die Welt nicht, wähnt sich über das kritisierte Objekt erhaben und fällt deshalb unter des Objekt. Im doppelten Sinn: das Niveau ist tiefer, da es die Sache als solche nicht einmal erreicht hat. Und es fällt unter sie im Sinne der Subsumtion, in dem Sinne, dass sie nicht anders ist, als das kritisierte Objekt: schlecht.

Deshalb: Theorie statt ethischer Gerichtshof.

Das Fieberthermometer

Die Welt ist, was der Unfall ist
Totalität ist Mangel
Sein vernichtet:
Substanz ist ein accident
Alles fließt, als Schlamm
Raum implodiert
Zeit erstarrt
Die Bedingung der Möglichkeit ist
Unbedingte Unmöglichkeit
Zufall ist Unfall
Notwendigkeit ist Not
Logik hat sich verrechnet
Analyse zergliedert
Bis es stirbt
Reflexion blendet
Beobachtende Vernunft im Dunkeln
Mannigfaltigkeit zusammengefaltet
Das Besondere ist im Nichtgemeinen enthalten
Sprache spricht das Unaussprechbare
Weil nichts gesagt wird

Der Weltgeist gibt zu: es geht unvernünftig zu
Die Philosophie liegt am Boden
Erhebt sich höher als die Metaphysik:
Sie ist die Pathologie der Zeit
Sie ist keine Therapie, sondern
Das Fieberthermometer

Der Mensch unter Menschen

Einmal fragte man Gustav, was das Schwierigste der Welt sei. Antwort: Unter Menschen zu sein. Er verstehe sie gar nicht. Deswegen versteht er sie absolut. Er hat kein Platz unter Menschen, deshalb ist ihm jeder Platz der Gesellschaft reserviert. Aber eben nur halb. Ein Mensch zu sein, meinte er stets, bedeutet als Menschen zu sein. Wer aber so sehr vom Menschen redet, tut das nicht ohne Grund.
Gustav führt kein Tagebuch, er ist es. Darin steht geschrieben: Denken und Sein von Gustav ist mangelhaft. Seht ihr Menschen! er ist ein Mangelwesen. Die kleinste Einheit Mensch ist eins. Aber ein Mensch ist damit mehr als zwei. Denn er weist über sich hinaus, die Form des Menschen ist bereits der Übermensch.
Dieser Überschuss an Menschsein hat der Mensch in anderen Menschen. Sie organisieren sich zu einer lebendigen Ordnung, bilden Gruppen, vermenschlichen sich. Gustav hingegen wandert freiwillig alleine – und zwingt sich dazu. Er ist sich bewusst, dass jede Verbindung mit den Menschen ihn in eine Bindung führt und Trennungen sind schmerzhaft. Also lebt er permanent getrennt in permanentem Schmerz.
Mensch, dachte Gustav, das muss ein Wort sein wie „Welt“ oder „Sein“. Allerlei Unfug lässt sich drüber sagen, anthropologische Spinnerei – im wörtlichen Sinne! Doch eins lässt sich nicht ausdrücken: dass der Mensch sich selbst ein Unbehagen ist. Er schaut sich und seine Menschen an und selbst wenn er sich oder sie in der dritten Person sieht – er bleibt doch die erste. Und doch kann man darüber nicht schweigen.
Wenn er sich vorstellte ein Engel zu sein – Engelein gibt es viele, wie die Menschen, aber Gott wäre schon allumfassend –, so wäre sein Menschsein vollkommen. Doch Gustav wird nahezu noch müder beim Andenken ein Engel zu sein. Die Vollkommenheit ist restlos, da ist keine Kontingenz mehr, die dem Menschen nur so scheint und doch sein ganzes Leben hindurch seine Wahrnehmung ausmacht. Sein Leben ist kontingent.
So bilden die Worte Gustavs keine Ordnung, sonst hätte er Tagebuch geschrieben und die Wörter in Ordnung gebracht. Wenn seine Worte Ordnung hätten, vielleicht wäre er so unter Menschen. Was lässt ihn fehlen? Seine Worte oder er selbst? Die Überschrift seiner Tagebucheinträge lautet: Es ist der Mensch. Wer diesen Satz ausgesprochen hat, hat sich selbst zum Gegenstand gemacht und sich vollkommen entäußert.
Wenn Gustav sich selbst ein Gegenstand vorgestellt ist, dann ist er selbst aber leer. Alleine ist es diese Beziehung des vollkommenen Denkens und des leeren Seins. Unter Menschen ist es das mit Sinn bereicherte Sein und das geteilte Denken – in wie viele Teile auch immer. Deshalb ist das Schwierigste unter Menschen zu sein. Denn das Denken ist sich selbst stets vollkommen, doch das Sein ist stets ein ungesättigt. Das ist das Schwierigste der Welt: als Mensch unter Menschen zu sein.

Ein Blick in die Zukunft

Das Bedürfnis in die Zukunft zu sehen ist ein verkehrtes Bedürfnis nach Veränderung.

Die Zukunft lässt sich nicht vergegenwärtigen, sonst wäre sie bereits Gegenwart; doch hätte ich die Zukunft als Gegenwart vor Augen, so hätte ich die Einsicht in die Notwendigkeit vom Walten der Zeit. Es änderte nichts an der Gegenwart, so wenig, als das gegenwärtige Bedürfnis in der Gegenwart in die Zukunft zu sehen. Es ist nicht mal ein Determinismus, der besagt, dass das Bewußtsein von der Zukunft dieselbe in eben diesen Bahnen laufen lassen müsste. Es ist schlicht so, dass das Bewußtsein von der Zukunft so gegenwärtig ist wie das Verlangen nachdemselben. In die Zukunft zu sehen ist dem gegenwärtigen Gedanken an die Zukunft äquivalent. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind präsentisch.
Die Gegenwart ist aber genau das Gegenteil von dem, was dieses Wort besagt. Schon das Wort Gegenwart ist eine negative Bestimmung, wie der Gegenstand. Das zeigt, dass so gegenwärtig sie auch stets war, ist und sein wird, sie ohne die Vergangenheit und Zukunft keine Substanz hat. Gegenwart heißt aber auch nicht warten zu müssen, wie es der Begriff der Zukunft nahe legt oder die Vergangenheit bereits hinter sich brachte. Die Gegenwart ist ihrem Worte nach bereits eine Aufforderung nach Handlung, Bewegung, einem Tun.
Dies Tun ist die subjektive Harmonie mit dem objektiven Walten der Zeit. Darin besteht das Wirklich-Werden des Gegenwartbegriffs; es ist die präsentische Wirklichkeit und das Werden als solche. Die Gegenwart ist eine Konfrontation des Subjekts, ein Imperativ sich die Welt zu vergegenwärtigen. Sie ist das objektiv reine Werden, in dem sich die Zukunft verwirklicht, und zwar als gewordene Gegenwart. Die subjektive Gegenwart ist eine Arbeit gegen dieselbe, die die Zukunft zum Resultat hat. Daher ist die allzu menschliche Utopie in die Zukunft sehen zu wollen die nicht eingelöste Gegenwart de Menschen.
Wenn diese Utopie Gegenwart werden würde, so hätte der Mensch Einsicht in das eigene Tun. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wären erhellt. Dass diese Zukunft aber nicht mehr als die andere Gegenwart wäre, betrübt den Menschen um seinen Gewinn. Denn er hätte nur umso dringlicher die Einsicht, dass etwas notwendig getan werden muss. Die Utopie verspricht eine vermeintliche Harmonie der Lebensgestaltung. Aber ihre Verwirklichung wäre eine radikale Konfrontation mit der Welt.

Unbehagen am Selbst

Ich weiß nicht, was ist mit mir los? Ich bin ganz versunken, fühle mich schon fast künstlerhaft von meinem Lebensstil. Ständig bin ich berauscht, vernachlässige das Fach, narzistisch mit mir selbst beschäftigt – ich bin doch kein „Dichter“! Und doch merke ich, ich sublimiere, permanent. Jeden Tag auf 180, kann mich nicht ausruhen, stets vergeistige ich – es ist eine Schwere im Herzen, die sich nicht abstellen lässt – nur der Geist wacht über das allzu weltliche Wüten. Er ist aber stark, denn er abstrahiert vom Körperlichen. Bei mir hat sich die Zwei-Substanzen-Lehre des Descartes vollends durchgesetzt: Körper in Welt und Geist als Transzendentalie sind unvermittelt in eine Situation geworfen. Hat Collingwood mit seiner Theorie recht, dass jeder Dualismus an sich selbst zugrunde gehen müsse, dann sieht es schlecht mit mir aus. In mir wohnen nicht zwei Seelen in einer Brust, sondern I c h vereine Denken und Sein als unversöhnlichen Widerspruch. Wer hat mich bloß in diesen Körper gesteckt? Welche Seele aus dem Olymp hat sich in diesem Körper verirrt? Verstorbene Romantik: ich weiß nicht, was soll es bedeuten? Unsereins fehlt eine platonische Akademie, in denen die Lehrer auch die Seelen, nicht nur die Blätter, verwalten und übersehen. Mir scheint, dass ich eine Maschine mit Pullover und Hose bin und die Bedienungsanleitung verschlampt wurde… meine Selbsttechnologie muss erst noch gründlich erfunden werden!

Das dritte Geschlecht

Aristophanes berichtet im Symposium von der ursprünglichen Einheit der Geschlechter. Doch Zeus hat bereits den Plan gefasst: „Mich dünkt, ich habe ein Mittel, daß es die Menschen weiterhin gibt, sie jedoch von ihrer Zügellosigkeit lassen müssen, weil sie zu schwach geworden sind. Jetzt werde ich nämlich jeden von ihnen mitten entzwei schneiden.“ Natürlich an der Geschlechtertrennung ist, dass die Natur sie getrennt hat. Nur um den Preis seiner Entzweiung kann der Mensch sich erhalten. Auch wusste Zeus schon vom gender: „Da werden sie schwächer sein und zugleich desto nützlicher für uns, denn an Zahl werden sie ja mehr sein.“ So geschah denn mit der Zivilisation die gesellschaftliche Entzweiung des Menschen.

Unerträglich ist das Unbehagen gediehen. Auf höchster Stufe lässt sich nur noch Versöhnung denken – und diese ist patriarchal, männlich. Demokratisch heißt es dem Männlichen das Weibliche zuzugesellen. Es ist eine Verdoppelung. Der linguistic turn, der die Geschlechter in Sprache fasst und sie zugleich entsorgen versucht, ist reine Negation. Keine bestimmte Negation. Aristophanes wusste aber noch davon, als er von drei Geschlechter sprach: […] vielmehr noch ein drittes, das diese beiden in sich vereinte; bloß der Name ist von ihm geblieben, indes es selbst verschwand.“ Was aber als verschwunden geglaubt ist, taucht doch logisch vielmehr als widersprüchliche Einheit, synthesis, erst auf.

Wo die Geschlechter als solche nicht überwunden sind, ist jedoch bereits schon der Geist. Es gilt den Mythos einzulösen. Unerträglich ist die vollends aufgeklärte Welt der Geschlechter. Der Mensch ist in einen sich selbst gleichen und einen anderen zergliedert. Es verbleibt noch in dunkelster Finsternis die romantische Sehnsucht nach dem Anderen, um Selbst zu werden.

Lektüre der Dialektik der Aufklärung

Ein paar Notizen.

Die Dialektik der Aufklärung von T. W. Adorno und M. Horkheimer zirkuliert als dunkelster Weltgeist durch die Geschichte der menschlichen Aufklärung. Der Begriff der Aufklärung wird dabei weitläufiger gedacht, als es die einfache Positivität gemeinhin nahelegt. Sie beginnt schon mit der Sprache im archaischen Zeitalter und hatte zum Ziel die Menschen als Herren gegen die Natur einzusetzen und ihnen die Angst zu nehmen. Kant bildet hingegen vielmehr das zu sich selbst gekommene Bewusstsein der Aufklärung. Es reicht bis zum Antisemitismus als Grenze der Aufklärung.
Die Lektüre der Dialektik der Aufklärung gestaltet sich mühsam. Zunächst scheint die Sprache Adornos und Horkheimers nahezu poetisch – vielleicht fast schwulstig. Vielleicht auch deshalb die verstärkte Rezeption Adornos in der Gegenwart. In Bon-Mot-Zitaten ist die DdA selbst schon zur Kulturindustrie herabgesunken. Dahinter verbirgt sich aber ein hegelianischer Jargon, der die eigentliche Dialektik zum Ausdruck bringt. Deshalb gestaltet sich der Zugang zur DdA in einem gewissen Sinne schwierig. Es ist ratsam, den vielleicht größten „Hegel-Fan“ der Philosophiegeschichte, eben als hegelianisch-marxistischen Philosophen zu lesen und nicht als „politischen Theoretiker“. Daher wundert doch etwas die Faszination seitens bestimmter Fraktionen der radikalen Linken.

Die Dialektik der Aufklärung blendet. Diese überwältigende Blende besteht in der Erfassung des Nationalsozialismus und Fordismus mittels Einzelwissenschaften und Philosophie zu ihrem gegebenen Stand. So ist ein Schauplatz der Kampf von „Positivismus“ und „Dialektik“, der heute in der kritischen Philosophie nur noch anachronistisch ist. Die Sprache zeugt von einer Gewalt, wie sie sich real in den Augen der beiden Frankfurter Schulmeister zugetragen haben muss. Das macht aber die DdA nicht anachronistisch, denn sie ist sich der historischen Situiertheit und deshalb ihrer Grenzen bewusst. Es gilt diese fragmentarischen Überlegungen aufzuheben. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin ihrer immanent gerecht zu werden und sie also nicht zu systematisieren – damit verbleiben sie jedoch bloß fragmentarisch. Jedenfalls ist an den Gedanken Wahres. Gerade am Kulturindustriekapitel lässt sich bestens die Aktualität an der heutigen, real existierenden Kulturindustrie, von der Adorno und Horkheimer nicht mal träumen konnten und doch das Wesentliche über sie gesagt haben, zeigen.
Die DdA muss dem Geist der heutigen Zeit wie ein einziges Rätsel vorkommen. Gerne wird sie verworfen als zu „einseitig-negativ“. Sie sei zudem unverständlich und erliege dem Marxismus, der nur als Weltanschauung bekannt ist. Als eine Art negativistische Phänomenologie der bürgerlichen Gesellschaft, die aufs Ganze gehend dieselbe konfrontiert, ist die DdA eine Fortsetzung des Marxismus dort, wo er den Hegelschen Idealismus (und damit die Philosophie) aufs Abstellgleis geschickt hat und sich blind gegenüber Kultur erwiesen hat. Im Grunde bewegt sich die DdA im Spannungsfeld des im „klassischen“ Marxismus begriffenen Konflikts von „Materialismus“ und „Idealismus“. Dass zudem die Erfahrung des NS gezeigt habe, dass das marxistisch-lineare Geschichtsbild zu verwerfen sei, ist wahr. Doch als Verabsolutierung anachronistisch. In der Zeit von der DdA bis heute gab es Geschichte, nach Auschwitz selbst. Das wussten Adorno und Horkheimer gut, die die eigene DdA schon zu ihrer Entstehungszeit relativierten. Dennoch hält sie die Erfahrung des NS fest – und zwar vermittelt durch Gesellschaftskritik, die das Mammutprojekt unternimmt von der arché bis zur Gaskammer die rote Linie zu ziehen.

Manche mögen dieses Urteil als Barbarei an Adorno und Horkheimer nehmen. Aber ich halte die DdA nur noch als Geschichte der Philosophie oder Kulturwissenschaft studierenswert. In der Tat, eine Einschätzung, die dem erliegt, was die DdA doch kritisiert. Die Deutungen von der Odyssee, dem Werk von de Sade und Nietzsche, das Kulturindustriekapitel werfen ein geradezu erlösendes Licht auf die gegenwärtige Kulturwelt. Manche Autodidakten mögen noch Interesse an „kritischer Philosophie“ oder „kritischer Gesellschaftstheorie“ finden. Aber die DdA gibt keine Antworten auf gegenwärtige Probleme – es liegt an ihrem negativistischen, aber auch spekulativen (im phil. Sinne) Charakter. Das macht sie wiederum als Wissenschaftskritik oder materialistische Analyse des Geistes zwar interessant. Noch interessanter ist wohl die Hegel-Rezeption. Aber das muss eig. jeden Adorno-Jünger der Gegenwart enttäuschen: sie ist ein negativer Weltgeist und kein polemischer Text gegen Antisemiten oder „affirmative Charaktere“. Das macht sie auch ohnmächtig – denn/aber mit der DdA ist die Ohnmacht in der „verwalteten Welt“ wahrlich zu sich selbst gekommen. Dennoch bleibt sie das Schlüsselwerk der ganzen Frankfurter Schule, in ihr sind all die Motive versammelt, welche in weiteren Arbeiten explizit geworden sind. Es ließe sich über Sinn und Unsinn einer „Kritischen Theorie der Gesellschaft“, was das auch immer sein mag, diskutieren. Interessanter ist da schon die Frage nach einer „neuen Kritischen Theorie der Gesellschaft“ bzw. nach einer auf der Höhe der Zeit, ohne doch die gezeitigte über Bord zu werfen. Doch scheinen diese Versuche eine verzweifelte Reanimation zu sein. Gerade das Kapitel über die Grenze der Aufklärung hat gezeigt, dass die Kritische Theorie selbst an Grenzen gestoßen ist. Auch, wenn sie diese spekulativ überwinden konnte, indem sie darauf beharrte die Grenze nicht Grenze sein zu lassen. Im Grunde stellt sich dieselbe Frage der Frankfurter Schule einfach – und das ist das, was so schwer zu machen ist – nach der gegenwärtigen Totalität neu.

Was ist der Fall? und es muss so nicht sein. Die Aktualität einer Dialektik der Aufklärung stellt sich schlichtweg dem Aktuellen. Deshalb ist sie auch eine theoretische Praxis. Dabei gilt es aber die bürgerliche Epoche, der Adorno wie Horkheimer emphatisch verhaftet sind, abzuziehen. Diese Zeiten sind endgültig vorbei – die Insistenz auf der bürgerlichen Gesellschaft ist vollends anachronistisch. Heute ist es der postmoderne Kapitalismus, der die Aufklärung überwunden zu haben glaubt. Das ist falsch. Heute jedoch noch auf Aufklärung zu beharren wirkt nett, aber hohl. So funktioniert die gegenwärtige Gesellschaft nicht mehr. Und die Auflösung der Aufklärung haben A. und H. schon antizipiert. Mit diesem Eingeständnis beginnt das Projekt einer kritischen Gesellschaftstheorie – und sie ist immer kritisch, wenn sie die Wirklichkeit trifft – erst eigentlich.

Goethes Grenze

Was die Welt
Im Innersten
Zusammenhält
Wird erhellt
Wenn die Welt
Zusammenfällt.

Goethes Frage -
Keine Antwort
So lang‘ die Welt
Noch nicht geschält!

Nur dann?
Nichts mehr
Zusammenhält.

Die Frage fällt
Sie löst sich auf
Wenn Antwort fällt
Sie löst sich auf
Sodann in Eins
Zusammenfällt.

Das Innerste
Verweltlicht sich
Aufs Äußerste
Verändert sich

Nur dann -
Wenn Mensch und Welt
Zusammenfällt.

„Die Ursache des Nationalsozialismus“

Die Frage, weshalb ein Nazi ein Nazi ist, ist zu kurz gefasst. Sie trifft nicht das Ganze der Sache. Nationalsozialismus ist ein modernes Phänomen, um es zu verstehen, bedarf es der Geschichte. Wenn die sozialen Umstände die absolute Ursache wären, dann wäre etwa in einer Tyrannis in der Antike der aufrührerische Mob auch ein nationalsozialistischer Mob, das ist aber nicht der Fall. Dennoch muss das Soziale zur Ausgangslage gemacht werden. Auf der anderen Seite ist es die Ideologie, welche für Nationalsozialismus verantwortlich gemacht wird. Ideologie bedeutet bürgerliches, notwendig-falsches Bewußtsein. Wenn wir also über die Ideologie reden, so reden wir auch von der bürgerlichen Gesellschaft – damit sind wir aber auch beim Sozialen:
Mit der Entstehung der modernen bürgerlichen Gesellschaft und damit der Herausbildung des modernen Kapitalismus ging eine Disziplinierung der Individuen einher. Fabrik, Schule oder Militär bilden dabei die symptomatischen Institutionen, in denen die Individuen geformt und durchmachtet werden sollten. Mit dem modernen Kapitalismus entstand aber auch ein Territorialstaat, also der Nationalstaat. Die eingegrenzten Individuen müssen darin in Form einer Volksgemeinschaft geformt werden, es muss Identität gestiftet werden. So entsteht das „nationale Bewußtsein“, das notwendig die autoritären Charakterzüge trägt, welches es in Form von Normen, Diskursen und Institutionen erfahren hat. Nationalsozialismus ist also ein Machtphänomen. Die Moderne zeichnet sich radikal durch eine Ausschließung von Individuen aus. Das ist so ein Zugang über den Machtbegriff zum Nationalsozialismus.
Der Antisemitismus aber ist dabei ein ganz besonderes Phänomen, das sich vor allem aus der Erfahrung des kapitalistischen Alltags speist. Die gesellschaftlichen Verhältnisse kommen den Individuen als fremde Mächte entgegen – und in der Tat: sie sind ohnmächtig gegen die Anarchie des Marktes, die sie zum Gesetz setzen und sich wie einem Gott überantworten. „Der Jude“, eine ohnehin schon marginalisierte Minderheit, wird zum Medium einer Projektion. Ihm wird die Allmacht zugestanden, die dem Kapitalismus nicht zugestanden wird. Die Menschen erfahren im Alltag ihr Leben im Kapitalismus als Entfremdung, Ohnmacht durch Durchmachtung und schreiben diese doch abstrakte Macht „dem“ konkreten „Juden“ zu. Ihre Vernichtungsphantasie ist zugleich ein Erlösungsglaube, aber der Antisemitismus entspringt den abstrakten kapitalistischen Verhältnissen, deshalb wird er auch noch dann sein, wenn es keine Juden mehr gäbe. Auch deshalb funktioniert Antisemitismus auch ohne Juden. Die Nazis sind nicht umsonst schon im 20. Jahrhundert diejenigen gewesen, welche „kapitalismuskritisch“ waren, indem sie das „raffgierige“ Finanzkapital mit dem Judentum identifizierten – bis heute ist diese Argumentation verbreitet und findet über die Grenzen der Nazis Anwendung. Das ist so ein (!) möglicher marxistischer Zugang zum Nationalsozialismus. Nationalsozialismus also als Wahnsinn, den die kapitalistische Gesellschaft gebärt. Ihre Kapitalismuskritik ist so wahnsinnig und bescheuert wie der Kapitalismus und Attac selbst.
Ein anderer Ansatz, den ich sehr interessant finde, kommt aus der Soziologie. Sie schaut auf die sozialen Klassen der Gesellschaft und stellt die Zuneigung bzw. Affinität zu rechten politischen Einstellungen fest. So ist es vor allem das traditionelle und absteigende Kleinbürgertum, das besonders für Nationalsozialismus anfällig ist. Historisch wurde der Nationalsozialismus ja vor allem vom Kleinbürgertum getragen und forciert, aber auch die Arbeiter. Was den Kleinbürger und den Arbeiter eint, ist unbedingte Gehorsamkeit gegenüber der Obrigkeit. Beim Kleinbürger kommt das zum Ausdruck durch Achtung der legitimen Kultur, er passt sich überall an, wo er nur kann, in der Hoffnung gesellschaftlich aufzusteigen. „Der Kleinbürger macht sich klein, um groß zu werden“. Wenn die Aufstiegshoffnungen der Kleinbürger enttäuscht werden, kehren sie ihren autoritären Charakter vollends nach außen. Das sind vor allem die „gemäßigteren“ Nazis, also die bürgerlichen Nazis, die sich „an den kleinen (kleinbürgerlichen) Mann“ anbiedern. Sie sind im Bunde mit dem Lumpenproletariat, so hat Marx die Klasse genannt, die gegen ihr eigenes Klasseninteresse handelt und sich von den Herrschenden instrumentalisieren lässt. Das Kleinbürgertum sowie das Lumpenproletariat vertreten ohnehin schon autoritäre, traditionelle Werte – und wenn die „Tradition“ zerstört wird, dann werden sie regressiv, denn sie müssen ihre Tradition wiederherstellen. So lässt sich auch der Nationalsozialismus deuten als Wiederherstellung der kapitalistischen Verhältnisse. Aber dem widerspricht ja eigentlich die Dynamik des Kapitalismus, denn er modernisiert stets – die „Traditionellen“ aber halten an ihm fest, ohne sich mit ihm gemeinsam zu verändern, denn das tun eigentlich die Liberalen, die absoluten Arschkriecher des Kapitals. Nationalsozialismus, als Restrauration und Forcierung von „Harmonie, Tradition und Volksgemeinschaft“ – vollends eingehüllt in Kitsch – ist der Selbstwiderspruch des Kapitalismus. Hiermit sind wir vollends beim Sozialen angekommen, denn der Nationalsozialismus rekrutiert sich vorzüglich aus dem Lumpenproletariat und dem Kleinbürgertum – mit im Bunde die Lumpenbourgeoisie, die in der Bourgeoisie nichts abgreifen konnte und nun auf die autoritätsgläubigen nützlichen Idioten baut. Das Kleinbürgertum sieht sich ja sogar im Recht, wenn es die Tradition wiederherstellen will, es meint sich mit der „legitimen Kultur“ (man denke nur an „deutsche Werte“ oder das Gesabber von „deutscher Leitkultur“) im Einklang zu befinden und verspricht sich davon einen gesellschaftlichen Aufstieg, während das Lumpenproletariat und die Lumpenbourgeoisie das bornierte Überlebensinteresse in der abstumpfenden Konkurrenz im Kapitalismus vertreten.
Rassismus etwa ist eine solche Ideologie, die glaubt mit der Volksgemeinschaft die Profite auf dem Weltmarkt für „sich und seine deutschen Brüder“ zu sichern. Antisemitismus ist die fetischistische Allmachtsphantasie der absoluten Macht als notwendig-falsches Bewußtsein, weil es sich nicht gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse richtet, denen es entspringt – das macht das eliminatorische Potenzial des Kapitalismus deutlich. Sexismus bzw. Patriarchat ist dabei eine Ideologie, die die Arbeitsteilung in der Volksgemeinschaft optimiert, die Passivität der Frau verdeutlicht nur die „Heimatfront“, wo sie als Gebärmaschine und emotionale Sanitäterin stationiert ist, um den „aktiven“ Mann zu „supporten“ – ob im Krieg oder im alltäglichen Krieg der kapitalistischen Konkurrenz. Der autoritäre Charakter des Nationalsozialismus stellt bloß diejenige Disziplinarmacht des Kapitalismus dar, worin der „Totale Krieg“ die „Totale Profitmachung“ wird – man denke nur an die ökonomische Modernisierung in der Zeit des Nationalsozialismus, so etwa die Schwer- und Chemieindustrie. Nationalismus ist dabei die gewaltsame Ausschlussmaschinerie, deren Hoffnung es ist sich im Weltmarkt im stumpfen Hauen und Stechen zu behaupten.
Es wird deutlich, wie scheiße Nationalsozialismus ist und wie scheiße seine sozialen und ideologischen Wurzeln und Wirkungen sind – sie sind ein und dasselbe: Kapitalismus. Vor allem deshalb hat Horkheimer diesen Satz zitiert: „wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, er soll vom Faschismus schweigen“. Diesen Satz zitieren Antifas ständig, werden ihm aber nicht gerecht, weil sie nicht Kapitalismuskritik leisten.
Was ich mit diesem Text tat, war eine bloße Skizze der Beantwortung der Frage: „warum wird ein Nazi ein Nazi“ am Morgen, wo ich ausnüchtere. Also die Dinge sind dann nochmal komplizierter, aber das ist jedenfalls eine lockere Perspektive. Im Übrigen habe ich nicht gegendert, um den Sexismus im NS zu verdeutlichen.

Vernunft und Wahn der Moderne

Ein Freund hat mir einen unfertigen gestellten Essay geschickt, der mir imponierte. Ich will ihn der Welt nicht vorenthalten, weil ich fest davon überzeugt bin, dass ihn zu lesen lohnt.

Der Text selbst:

Moderne, Anti-Moderne, Zivilisation – Ist der „Kampf der Kulturen“ tatsächlich einer?

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Die Frage, mit der sich der vorliegende Essay beschäftigt, lautet: befinden wir uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts, spätestens seit dem 11. September 2001, tatsächlich in einem weltgeschichtlichen Abschnitt, der mit dem Begriff der „clash of civilizations“ (Huntington) angemessen umschrieben werden kann? Oder steckt da etwas ganz Anderes dahinter?

Der Kampf der US-amerikanischen Bush-Administration gegen den „internationalen Terrorismus“ mit den Hauptschauplätzen Afghanistan und Irak wird z. B. von den Antideutschen gerne als Kampf gegen den Neo-Totalitarismus „islamischer Fundamentalismus“ stilisiert, der die ideologische Nachfolge des Nationalsozialismus angetreten habe.[1] Der islamische „Integrismus“, wie er auch genannt wird, sei antisemitisch, antizionistisch, antiamerikanisch und generell gegen die „westlichen Werte“ eingestellt. Abgesehen davon, dass die schärfsten Kritiker der Elche früher mal selber welche waren (womit gesagt sein soll, nicht wenige derjenigen, die sich heute als Bush-Fans betrachten, sind früher leidenschaftliche Amerika-Hasser gewesen) und eine bloße Umkehrung der Vorzeichen noch keinen „Erkenntnisfortschritt“ darstellt – abgesehen davon, wird hier eine „Reduktion von Komplexität“ frei nach Luhmann betrieben, die die eine Simplifizierung bloß durch eine andere ersetzt und sich bestens für rhetorische Worthülsen von Polit-Sektierern eignet. Darüber hinaus gehen die „Antideutschen“ mehr imaginäre als reale Koalitionen mit ultrareaktionären Kräften ein, die bestimmt Anderes im Sinne haben, als durch die neoliberale Wüste ins kommunistische Paradies zu gelangen. Die Bush-Claqueure und Sharon-Fans sollten sich fragen, in welch trübe Gesellschaft sie sich noch begeben wollen, um letztendlich als Bettvorleger ganz anders gearteter Interessen zu enden. Nützliche Idioten hat es schon viele gegeben, aber man sollte diesen offenkundigen Polit-Masochismus nicht auch noch als „höhere Erkenntnis“ verkaufen. Damit macht man sich auf Dauer nur lächerlich, wie einstmals die diversen „Funktionäre“ der dubiosen „K-Gruppen“ der 1970er Jahre – nicht zuletzt was die völlige Überschätzung der eigenen Bedeutsamkeit angeht.[2]

Der rationale Kern der antideutschen Argumentation besteht darin, dass ihre Widersacher auf der linken Seite, die „Anti-Imps“ (Anti-Imperialisten), wahrscheinlich noch schlimmer sind – selbst der übelste, reaktionärste und massenmörderischste Islamfundamentalismus wird als „Widerstand“ gegen die „US-Hegemonie“ oder die „zionistische Aggression“ abgefeiert, und jeder Selbstmordattentäter in Palästina/Israel oder Irak als potenzieller Verbündeter betrachtet. Der Islamfundamentalismus hat mit irgendwelchen emanzipatorischen und/oder sozialrevolutionären Ambitionen nun wirklich überhaupt nichts am Hut[3], und wer solche Verbündete nötig hat, über dessen Geisteszustand muss man sich ernsthafte Sorgen machen. Hier wird „Widerstand“ zum Selbstzweck, und wer nach der Devise handelt „Hauptsache, es knallt“, der kann sich ja auch als Pyrotechniker oder Sprengmeister austoben. Der politische Widerstand der imaginären „Massen“ wird auf wirrköpfige Fanatiker und den gewalttätigen Mob projiziert, dem es nun in der Tat völlig gleichgültig ist, wogegen er sich wendet (die Ziele sind auswechselbar) – Schlagetot als „revolutionäres Subjekt“. Dem kann man nur ein entschiedenes „Nein Danke!“ entgegenhalten.

Für eine differenzierte Analyse, die die Komplexität und Ambivalenz der aktuellen Weltsituation wirklich ernst nimmt, sind solche „schrecklichen Vereinfacher“ nicht zu gebrauchen. Die Frage ist doch vielmehr folgende: was ist am westlichen Modell von Moderne und Zivilisation so hassenswert, was sind die Impulse dafür, aberwitzige Selbstmordaktionen in massenmörderischer Absicht zu starten, welche Motive stecken dahinter? Und was hat das alles mit dem globalisierten Kapitalismus zu tun, der seine eigenen nicht-intendierten Folgewirkungen anscheinend nicht mehr in den Griff zu bekommen scheint?[4]

„Was unter dem Rubrum der Globalisierung als weltumspannender positiver und zukunftsmächtiger Wandel verkauft wird, lässt sich in dieser Hinsicht längst als Zersetzungsprozess der herrschenden Produktions- und Lebensweise dechiffrieren, die in einen schrumpfenden globalen Minderheitenkapitalismus einerseits und dessen Barbarisierungsprodukte andererseits zerfällt. Dabei kann der dem Kapitalverhältnis immanente strukturelle Widerspruch von Staat und Markt bzw. von Politik und Ökonomie sowohl auf der Ebene der Nationalstaaten als auch auf der Ebene des Weltsystems nicht mehr ausgehalten werden. Was sich innenpolitisch als Austrocknungsprozess der staatlichen Souveränität darstellt, erscheint außenpolitisch als Verfall der internationalen Beziehungen.“[5]

Robert Kurz kann den gegenwärtigen Zustand des kapitalistischen Weltsystems nur noch als Verfallsgeschichte und als Vorstufe zur allumfassenden Apokalypse deuten. Er interpretiert 9/11 als Amoklauf der wild gewordenen „politischen Subjektivität“:

„Die verheerenden Terroranschläge gegen die USA am 11. September 2001 haben buchstäblich blitzartig deutlich gemacht, was längst vorher absehbar gewesen ist: Die weltumspannende gesellschaftliche Vernetzung nicht über bewusste Vereinbarungen und durch menschliche Selbstbestimmung, sondern über die blinden Gesetze der Konkurrenz und der Finanzmärkte bringt nicht nur neuartige strukturelle Krisen hervor, sondern auch ebenso neuartige subjektive Hass- und Vernichtungspotenziale, in denen sich die Zersetzung der bürgerlichen >politischen Subjektivität< darstellt. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, die >unsichtbare Hand< eines losgelassenen totalitären Ökonomismus schlägt ebenso erbarmungslos zu wie die andere >unsichtbare Hand< einer blinden >postideologischen< und >postpolitischen< Wut, deren pseudo-religiöses Gestammel unfreiwillig beweist, dass sich jede rationalistische Legitimation der sogenannten >Modernisierung< restlos erschöpft hat.“[6]

Die Modernisierungsgeschichte also nichts weiter als die Entfaltungsgeschichte des Kapitals, des bewusstlos vor sich hin prozessierenden „automatischen Subjekts“ (Marx)? Der „Gott der Subjektivität“ eine Chimäre, nichts Anderes als die „Selbstverwertung des Werts“ (wiederum Marx)? Der abstrakte Wert, der sich im Geld als dem universellen Tauschmedium ausdrückt, der „verallgemeinerten Ware“, ist mithin für Kurz das „wahre“ Subjekt des kapitalistischen Vermittlungs- und Vergesellschaftungsprozesses, über den sich die gesellschaftliche Synthesis vollzieht.

„Denn die im Geld sich ausdrückende Form des Werts, der als objektivierte metaphysische Realabstraktion das moderne Dasein als >säkularisierter< und verdinglichter Gott beherrscht und dessen Kehrseite die Metaphysik demokratischer Staatsbürgerlichkeit nur ist, hat >an sich< keinerlei sinnlichen oder sozialen Inhalt: sie ist als negative Kraft in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt. Das metaphysische Vakuum des Werts ist es, das hinter den scheinbar so rationalen Interessenkämpfen und dem scheinbaren Selbstbehauptungswillen der abstrakten Individuen steht... Aber es ist eben diese metaphysische Monstrosität, die hinter dem fröhlichen >Selbstmanager< der Postmoderne zum Vorschein kommt.“[7]

Der Wert ist das abstrakte Individuum, das sich in den Besitzbürgern nur „verkörpert“, um seine innere Leere und sein ihm innewohnendes „metaphysisches Vakuum“ zu verbergen. Wenn die Selbstmordattentäter und Amokläufer, die bin Ladens und Robert Steinhäusers, zur Tat schreiten, so ist dies lediglich das Ausagieren, das Nach-Außen-Kehren dieser metaphysischen Leere, die sich in der Exzessaktion, der „Propaganda der Tat“ ihrer selbst versichern und mit Inhalt füllen möchte; aber diese Vernichtungswut fügt der allgemeinen Vernichtung nichts hinzu, sie ist lediglich das Spektakel der Auslöschung, die Supernovaexplosion eines ansonsten implodierenden Nichts. Die Propaganda besteht dabei darin, dass es keine „message“ gibt, die zu übermitteln wäre. Das Fanal der spektakulären Überschreitung der eigenen Bedeutungslosigkeit möchte so viele Andere wie möglich in dieses Nichts „mitnehmen“, denn nicht einmal die Botschaft „Jetzt wisst ihr endlich, wer ich eigentlich bin“ steht dahinter, es ist nichts weiter als die Bestätigung dessen, was die Anderen schon immer vorher wussten: „Wir sind alle Nichts, also bereite ich euch dieses vorzeitig.“ Das Ende mit Schrecken als Klimax des Schreckens ohne Ende.

Es ist ja nun keineswegs so, dass diese Amokläufer, auffällig oft (nicht nur, aber signifikant häufig) junge, gebildete Männer aus „besseren Kreisen“, mit ihren Taten gegen irgendwelche Missstände protestieren und einen „flammenden Appell an die Nachwelt“ oder dergleichen richten wollten. Reales Elend um sie herum, soziale Ungerechtigkeiten oder schlimme Zustände sind ihnen oft völlig gleichgültig; sie sind gelangweilt, ein diffuses Gefühl des Überdrusses an der eigenen, seltsam inhaltsleeren Existenz treibt sie um. Dieser „Ennui“, diese blasierte Langeweile, grundiert mit anscheinend grundlosem Ekel und namenlosem Abscheu, ist das Kennzeichen dieser quasi-Dostojewski’schen Figuren, dieser Raskolnikows der Postmoderne, die Robert Kurz – nicht ganz zu Unrecht – folgendermaßen charakterisiert:

„Es ist kein Zufall, dass es immer wieder Angehörige der >Jeunesse dorée< sind, die als Anführer und Hauptakteure der Barbarisierung auftreten; vom >kleinen Pogrom< bis zum Großterror. Die pathologisierten Sprösslinge pathologisierter Eliten stehen an vorderster Front der wahnhaften Krisenverarbeitung. Von Osama bin Laden ist bekannt, dass er sich als reicher junger Mann eine Weile als Playboy in Mallerba herumgetrieben hat, bis er sich in den 80er Jahren angeödet in den afghanischen Gotteskrieg gegen die Sowjetbesatzung stürzte. Gerade für die jungen, durchwegs gut ausgebildeten und im Westen lebenden Attentäter des 11. September ist es wahrscheinlich, dass es wohl nicht allein das Gefühl der Demütigung der islamischen Welt durch den Westen war, was sie in den religiösen Wahn getrieben hat, sondern vielleicht mehr noch die globale Erfahrung der 90er Jahre für alle in diesem Jahrzehnt der Finanzblasen und des zugespitzten ökonomischen Terrors Aufgewachsenen: nämlich die überwältigende Sinnlosigkeit der totalen Ökonomisierung aller Gegenstände und Lebensbereiche, die jeden Inhalt in Asche verwandelt, bevor er überhaupt ausgedrückt werden kann.“[8]

Das Wort „Asche“ ist – ähnlich wie „Kohle“ – nicht umsonst in der deutschen Umgangssprache ein Synonym für Geld. Nun, „Asche“ hat Osama bin Laden auch wohl heute noch, wo er sich irgendwo im Gebirge im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet aufhalten bzw. verstecken soll, zur Genüge. Er ist inzwischen zum irren Wanderprediger des Terrors mutiert, ab und an versorgen er und seine Kumpane arabische Nachrichtensender mit Videokassetten, auf denen er seine wirren Botschaften an die Muslime, die „Zionisten“, die „Kreuzfahrer“ und den „Satan USA“ hinterlässt. Es ist ein massenmörderischer Wahnsinn, der gleichviel nur noch lächerlich wirkte, wenn er nicht so tödlich gemeint wäre. Al Qaida, „das Netzwerk“, dem er mit seinem Namen Leben einhauchte, ist ebenso ungreifbar wie er, vielleicht eine Geheimdienst-Finte, vielleicht auch eine real existierende Bedrohung; keiner weiß es so genau – oder diejenigen, die es wissen, schweigen. Eine lebende (oder möglicherweise schon tote) Chimäre, der sicher nötigenfalls mit Doppelgängern eine Golem-Existenz verliehen wird, und ein Netzwerk, von dem keiner recht weiß, worin/woraus es besteht – das ist der Terrorismus von heute, dem mit einem „war that never ends“ begegnet werden soll. Aber was „verteidigt“ da der Westen eigentlich noch?

2

Wenn Aufklärung und Moderne, folgt man der Kurz’schen Interpretation, nichts weiter als die kulturell-ideologischen Emanationen der kapitalistischen Selbstverwertung des Werts bzw. des „automatischen Subjekts“ sind, so ist „Ideologiekritik“ (ich nehme diesen Begriff an dieser Stelle cum grano salis zur Hilfe, weil kein anderer momentan so recht an seine Stelle treten könnte) nur als Kritik der „kapitalistischen Vernunft“ zu haben, oder, kurz und knapp, als Vernunftkritik. Dies setzt aber voraus, dass Aufklärung und Vernunft sich darin erschöpfen, ideologischer Ausdruck des bürgerlich-kapitalistischen Zeitalters zu sein, das seinen Zenit längst überschritten hat und seine irrationale Rationalität nur noch mit Mühe als Export von „freedom & democracy“ zu drapieren vermag.

Sind also Aufklärung und Moderne als ideologische Hülsen überflüssig geworden? Sind sie identisch mit der „kapitalen Idee“, „alles Ständische und Stehende zu verdampfen“, wie es im Kommunistischen Manifest heißt? Wenn dem so wäre, dann könnte man in der Tat sich damit begnügen, der finalen Auslöschung beizuwohnen, sie selber aktiv zu betreiben oder aber in depressiven Kulturpessimismus zu flüchten, wenn man es etwas „gemütlicher“ haben will. Aber geht eine „Idee“ immer in ihrer (scheinbaren) Realisierung auf? Oder gibt es da nicht doch immer einen „Überschuss“, einen „Mehr-als-Wert“, der als Versprechen, als „Gespenst“, um mit dem kürzlich verstorbenen Derrida[9] zu sprechen, durch die Sprache, die Begrifflichkeiten und die sog. „Geistesgeschichte“ geistert? Ist die Geistesgeschichte nicht in letzter Instanz eine Geistergeschichte, die vom unaufhörlichen Strom der menschlichen Imagination gespeist wird?[10]

Castoriadis erinnert uns, als guter marxistischer Psychoanalytiker, daran, dass Wahn und Vernunft enger beieinander liegen, als unsere Schulweisheit uns träumen lässt.

„Der Mensch ist kein vernünftiges Tier, wie der alte Gemeinplatz behauptet; er ist aber auch kein kranken Tier. Er ist ein verrücktes Tier, eines, das am Anfang verrückt ist und eben darum auch vernünftig ist oder werden kann (von mir hervorgehoben, KWP). Schon im vollständigen Wahn des primären Autismus ist die Vernunft keimhaft enthalten. Daraus entspringt eine wesentliche Dimension der Religion – das ist selbstverständlich -, aber auch eine wesentliche Dimension von Philosophie und Wissenschaft. Solange man sich der Einsicht verschließt, dass die Vernunft zwar nicht nur, aber auch (Hervorhebung im Original) ein Nachfahre des Vereinheitlichungswahns ist, stellt man sie nicht an ihren richtigen Platz und kommt, schlimmer noch, nicht zu einer vernünftigen Haltung gegenüber der Vernunft...“[11]

Die Sozialisation der Psyche des Einzelnen vollzieht sich für Castoriadis im Aufbrechen der psychischen Monade (der imaginären Mutter-Kind-Einheit) und im Hinaustreten bzw. der Öffnung der Psyche in die gesellschaftlich-geschichtliche „Wir“-Welt hinein. Diese Dialektik von individuell-psychotischer Imagination und gesellschaftlich-geschichtlicher Einbildungskraft macht uns – für Castoriadis – erst zu gesellschaftlichen Wesen; wir sind es als Menschen also nicht von vornherein. Wir sind mithin vor Regressionen und Wahngebilden nie gefeit, wobei die Inhalte und die „Quellen“ für Beides sich sowohl aus individuellen Phantasmen wie aus gesellschaftlich-geschichtlichen Zwangsvorstellungen speisen können. Unsere Phantasie ist autistisch-psychotisch und zutiefst gesellschaftlich zugleich; diese Mixtur macht ja gerade die Brisanz dessen aus, was man landläufig „Ideologie“ oder „Weltanschauung“ nennt.[12]

3

Mit dem Stichwort „Moderne“ wird in der herkömmlichen Modernisierungstheorie normalerweise Folgendes verknüpft:

· Herauslösung des Menschen aus traditionellen Lebensformen, Gemeinschaften, Bindungen;

· Loslösung von religiösen Weltbildern;

· Die Ausdifferenzierung (relativ) autonomer Wertsphären mit jeweils eigengesetzlichen Rationalitäten (Wissenschaft, Moral, Recht, Kunst, Politik etc.);[13]

· Säkularisierung und Rationalisierung der alltäglichen Lebensführung sowie der gesellschaftlichen Orientierungssysteme;

· Durchsetzung einer wissenschaftlich-instrumentalistischen Weltsicht, die mit den Kriterien Machbarkeit, Effizienz, Leistung etc. operiert;

· Stärkere Akzentuierung der Stellung des Individuums gegenüber Gemeinschaft, Gesellschaft und Gattung (Menschheit) sowie gegenüber transzendentalen Mächten (Gott);

· Die Konzeption des modernen, selbstreflexiven Subjekts als gleichberechtigtem Träger unveräußerlicher Rechte mit universalem Geltungsanspruch.[14]

Die Modernisierungstheorie präsentiert dies uns als universelles Ablaufschema, wonach sich die soziale Evolution überall nach dem gleichen „Strickmuster“ vollziehe; sie löst die Moderne von ihren neuzeitlich-europäischen Ursprüngen ab und unterbricht somit die engen Verbindungen zwischen der Modernisierung und dem okzidentalen Rationalismus. Modernisierungsvorgänge und Rationalisierung der Lebenswelt können so nicht mehr als geschichtliche Objektivationen vernünftiger Strukturen begriffen werden.[15]

Gegen diesen ahistorischen, quasi „anthropologischen“ Modernisierungsbegriff gilt es folgende kritische Einwände in Stellung zu bringen:

(1) Der Begriff der „Moderne“ reflektiert auf abstraktifizierende Weise bestimmte Merkmale des Übergangs vom mittelalterlich-europäischen Feudalismus hin zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft , „ohne diese mit den Marxschen Einsichten in die >kapitallogischen< Wesensgrundlagen der postfeudalen Gesellschaftsentwicklung zu vermitteln.“[16] Die Modernisierungstheorie verfährt „konstruktivistisch“; der gesamtgesellschaftliche Struktur- und Entwicklungszusammenhang wird von der „Kapitallogik“ des sich entfaltenden Kapitalismus abgekoppelt und die Gesellschaft in vorgeblich voneinander unabhängige Teilsysteme aufgesplittet, die im Nachhinein wieder auf mysteriöse Weise miteinander „vernetzt“ werden. Die Vermittlung durch die Kapitallogik und die sich daraus ergebenden Widersprüche bleiben weitgehend ausgeklammert.[17]

(2) Der Übergang zur Neuzeit vollzieht sich als widersprüchlicher „Prozess der Zivilisation“[18], wobei dieser (abendländische) Zivilisations- bzw. Zivilisierungsprozess seine formationsspezifischen, nur ihm eigentümlichen Antagonismen hervorbringt. Zwar werden die traditionalen Formen der unmittelbar-personalistischen Herrschaftsausübung überwunden; jedoch werden gleichzeitig neuartige Abhängigkeitsverhältnisse geschaffen, die diesmal als rationalisiert-versachlichte Formen vermittelter Herrschaftspraxis auftreten. Hinzu tritt der „stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ (Marx): der von seinen feudalen Fesseln befreite, nunmehr „freie“ Lohnarbeiter muss seine Arbeitskraft an den Kapitalisten verkaufen, sonst verhungert er. Die strukturelle Amoralität des Kapitalverhältnisses durchdringt mehr und mehr sämtliche gesellschaftlichen Sphären und Teilsysteme. Dies heißt nicht, dass „der Kapitalist“ als Prototyp des „Ausbeuters“ gleichsam von sich aus, von seinem Charakter her raffgierig, geizig, amoralisch etc. wäre[19]; diese Amoralität oder noch besser: diese strukturbedingte moralisch-ethische Gleichgültigkeit den Effekten des Kapitalverhältnisses gegenüber ist das Resultat der bürgerlich-kapitalistischen Produktionsweise selbst, die unter dem Primat der konkurrenzvermittelten Profitmaximierung „bei Strafe des Untergangs“ (Marx) nicht anders handeln kann. Dabei muss gesagt werden, dass dies als Tendenz gilt; die Struktur „handelt“ vermittels ihrer Agenten, die die gesamtgesellschaftlichen Systemimperative und Strukturgesetzlichkeiten je nach sozialer Stellung als Habitus verinnerlichen und in bestimmten Attitüden, Meinungen, Einstellungen, Handlungsoptionen etc. verkörpern.[20] Die Struktur der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft darf nicht als „Automatismus“ oder Zwangsmechanismus missverstanden werden; sie ist auch immer Ausfluss von Machtkonstellationen, dem Stand der sozialen Auseinandersetzungen, systemisch bedingten Widersprüchen etc., wobei ein bestimmter Optionskorridor entsteht, innerhalb dessen durchaus Handlungsalternativen bestehen (hier sei z. B. an die Rolle des Staates im Rahmen der neoliberalen public-private-partnership verwiesen).[21] Dass es „keine Alternative“ gäbe, ist eine Erfindung der neoliberalen Ideologen und nichts genuin Marxistisches.

(3) Die herkömmliche Modernisierungstheorie ignoriert weitgehend die Rolle des Bürgertums im kapitalistischen Transformationsprozess. Die Bourgeoisie mutierte im Laufe der Entfaltung der Systemimperative der kapitalistischen Produktionsweise von einer antifeudal-revolutionären Klasse zu einer Klasse, die ihre eigenen ursprünglichen revolutionären Impulse (z. B. während der Französischen Revolution) immer mehr „vergaß“ und zur „Systembewahrung“ und zur Verteidigung ihres privilegierten Status quo überging. Sie wurde im Verlauf der Geschichte der letzten zweihundert Jahre immer reaktionärer – was auch insofern logisch und nachvollziehbar ist, als nämlich sie bei Beibehaltung ihres ursprünglichen revolutionären Impetus’ gegen sich selbst hätte revoltieren müssen. Die geschichtliche Erfahrung besonders des 20. Jahrhunderts hat gezeigt, wie weit die Bourgeoisie besonders in Krisenzeiten zu gehen bereit ist, um ihre Machtposition zu erhalten und zu festigen (Nationalsozialismus, Faschismus usw.). Dies schließt nicht aus, dass aufstrebende Fraktionen innerhalb der Bourgeoisie vorübergehend als „antibourgeoise Bourgeois“ auftreten, um sich ihren „Platz an der Sonne“ gegen die „Alteingesessenen“ zu erkämpfen (Bohemiens, Studentenrevolten, 68er usw. usf.). Sobald jedoch diese aufstrebenden Fraktionen die gesellschaftliche Position, die sie erreichen wollten, auch tatsächlich innehaben, werden sie wieder genauso reaktionär wie ihre Vorgänger – das Schicksal der „Grünen“-Partei ist ein beredtes Zeugnis für diesen „Kreislauf der Eliten“ (Pareto). Nur dann, wenn sich diese antibourgeoisen Bourgeois dauerhaft von sozialem Aufstieg – aus welchen Gründen auch immer – ausgeschlossen sehen, besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sie endgültig „aussteigen“ und sich unwiderruflich revolutionären Ideen zuwenden (das kann sich auch ggf. in Form eines geschwätzig-notorischen Verbalradikalismus äußern).[22] Das zuletzt Gesagte gilt vor allem für die „mittlere“ Bourgeoisie; die wirkliche Großbourgeoisie betreibt ihre Selbstreproduktion und Selbstrekrutierung vor allem über das Medium der Vererbung: „Vitamin B“, Fragen des Geschmacks, der Bildung, der Gesittung, des „Outfits“ und überhaupt eines bestimmten Habitus haben in diesen Kreisen, wo die Luft besonders „dünn“ ist und die zu vergebenden hohen Positionen rar (vor allem in der Wirtschaft) eine weitaus größere Bedeutung als Bildungsabschlüsse, Aufstiegs- und Leistungswille usw.[23] Bei den „Spitzen der Gesellschaft“ geht es innerhalb der Bourgeoisie ziemlich ähnlich zu wie in der alten Aristokratie: die Reihen fest geschlossen, von Aufstiegs- und Partizipationschancen auch anderer Gesellschaftsschichten keine Spur. Die Kluft zwischen ideologisiertem Elitengeschwätz und der realen Selbstrekrutierungspraxis könnte nicht größer sein als in diesen „erlauchten“ Kreisen.

(4) Ein weiterer Punkt, den die klassische Modernisierungstheorie ausblendet, ist der Umstand, dass der Universalismus von Aufklärung und Moderne notorisch durch die kapitalistischen Rahmenbedingungen negiert wird. Der Partikularismus kapitalistischer Sonderinteressen ist nun einmal mit universalistischen Prinzipien unvereinbar, da mögen bürgerliche Ideologen noch so sehr das von ihnen nie näher definierte „Gemeinwohl“ beschwören. „Ohne die Durchbrechung von Universalismus und Gleichheitsprinzip, die in der Klassenspaltung liegt, könnte der Kapitalismus weder entstehen noch seine Dynamik von Akkumulation und Revolutionierung der Produktivkräfte entfalten. Der Partikularismus in der Organisation der gesellschaftlichen Arbeit ist ein Geburtsfehler des Kapitalismus, eines seiner konstitutiven Merkmale von Anfang an, nicht eine späte, durch das Rückschlagen einer verselbständigten Ökonomie auf die Lebenswelt bedingte Deformation.“[24] Dies betrifft vor allem – vor der Hintergrund der sich akut wieder eher verschärfenden Klassenspaltung – folgende Bereiche: a) die Ungleichverteilung von Partizipations- und Kommunikationschancen in der politischen Öffentlichkeit; b) die Disparität von Durchsetzungschancen im weitgehend monetarisierten Rechtssystem (Abhängigkeit der Geltendmachung von Rechten von der Höhe des Einkommens – die abstrakt-formale Gleichheit vor dem Gesetz wird auf materieller Ebene ständig Lügen gestraft); c) die soziostrukturell bedingten Klassenschranken betreffs Aneignung von gesellschaftlichem Wissen und Information (wir leben ja angeblich in einer „Wissensgesellschaft“); d) die Ersetzung feudaler Tyrannei durch bürokratische „Sachzwänge“, Vorschriften, Auflagen usw. (man denke an Hartz IV) und e) die klassenbedingte Verfestigung asymmetrischer Ressourcenausstattung für kommunikative (Selbst-)Verständigungsprozesse auf den verschiedensten Diskursebenen.[25]

(5) Der okzidentale (Zweck-)Rationalismus beschränkt sich im Wesentlichen – gemäß Max Webers Analysen - auf die Bürokratie und ihr „Gehäuse der Hörigkeit“ (Max Weber) sowie auf die einzelkapitalistische Kalkulation von Zweck-/Nutzenrelationen und Gewinn-/Verlustrechnungen im Sinne des homo oeconomicus.[26] Ansonsten bleiben fetischistische Bewusstseinsformen erhalten: der Besitzbürger stellt sich das Marktgeschehen als undurchschaubares Gewirr von Privatatomen vor, die eine mysteriöse „unsichtbare Hand“ vorgeblich zum Besten Aller lenkt; dieser Fatalismus bezüglich des Chaos des Marktes, verbunden mit einem nahezu mystischen Glauben an die „invisible hand“, fördert Irrationalismen, Mythen und Regressionen aller Art, die ihre Nähe zu esoterischen Vorstellungen nur schlecht leugnen können. Zudem wird das Marktgeschehen, das den eigentlichen Vergesellschaftungs- und Vermittlungsort des Kapitalismus darstellt (hier findet die Kapitalrealisierung statt, d. h. der Umtausch von Geld in Ware und von Ware in Geld), von Fürsprechern des kapitalistischen Systems schön geredet und verharmlost: systematische Kapitalvernichtung z. B. mit ihren teilweise verheerenden sozialen Konsequenzen wird zur „Marktbereinigung“ verniedlicht, die Folgen scheinen den bürgerlichen Ideologen gleichgültig zu sein. Der okzidentale Rationalitätstyp ist also in Wahrheit eine halbierte Rationalität, weil sie lediglich Partikularinteressen dient und den Universalismus der Moderne unterminiert.[27]

[1] Vgl. z. B.: Matthias Küntzel, Von Zeesen bis Beirut. Nationalsozialismus und islamischer Antisemitismus. In: Jungle World Nr. 44 vom 20. 10. 2004, S. 28-31.

[2] M. a. W.: Bush und Sharon wird es völlig schnuppe sein, was gewendete deutsche Ex-Kommunisten über sie denken. Auf solche Claqueure können sie getrost verzichten, sie haben schon ihre „eigenen Leute“.

[3] Vgl.: Hartmut Krauss, Faschismus und Fundamentalismus. Varianten totalitärer Bewegung im Spannungsfeld zwischen >prämoderner< Herrschaftskultur und kapitalistischer >Moderne< , Osnabrück 2003, S. 293 (Hintergrund).

[4] Vgl.: Robert Kurz, Weltordnungskrieg. Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung, Bad Honnef 2003, S. 272 ff. und S. 320 ff. (Horlemann).

[5] Ebd., S. 12.

[6] Ebd., S. 13.

[7] Ebd., S. 69.

[8] Ebd., S. 273.

Zu Osama bin Laden siehe auch:

Loretta Napoleoni, Die Ökonomie des Terrors. Auf den Spuren des Dollars hinter dem Terrorismus, München 2004, S. 166 ff. (Antje Kunstmann).

Craig Unger, Die Bushs und die Sauds. Öl, Macht und Terror, München 2004, S. 121 ff. (Piper).

[9] Vgl.: Jacques Derrida, Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale, Frankfurt/M., 3.-4. Tsd., August 1996 (ZeitSchriften Firscher).

[10] Vgl.: Cornelius Castoriadis, Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer praktischen Philosophie, Frankfurt/M. 1990, S. 285 ff. (stw 867).

[11] Ebd., S. 496.

[12] Vgl. ebd., S. 497 ff.

[13] Vgl. hierzu auch: Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde., 2. Bd., Frankfurt/M. 1998, S. 595 ff. (stw 1360).

[14] Vgl.: Hartmut Krauss, Faschismus und Fundamentalismus, a. a. O., S. 18.

[15] Vgl.: Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, 3. Auflage, Frankfurt/M. 1991, S. 10 f. (Suhrkamp).

[16] Hartmut Krauss, Faschismus und Fundamentalismus, a. a. O., S. 19. Hervorhebung im Original.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl.: Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation. Psychogenetische und soziogenetische Untersuchungen, 2. Bde., Frankfurt/M. 1969 (Suhrkamp).

[19] Daraus resultiert z. T. auch das antisemitische Stereotyp des Kapitalisten-Juden als „Geldsack“: der Kleinbürger kann sich anonyme gesellschaftliche Strukturen nur personifiziert vorstellen, eben als der raffgierige Jude, als der feiste Bourgeois etc. Daraus folgt dann zwangsläufig: schlagt sie tot, und die Welt ist wieder in Ordnung. Die dahinter stehende Struktur bleibt aber unangetastet. Jedoch auch ein bestimmter Vulgärmarxismus hat im Laufe seiner (Agitations-)Geschichte ähnliche Vorstellungen „gepflegt“ und verbreitet, und zwar weit über den „Antisemitismus der dummen Kerls“ (Bebel) hinaus.

[20] Vgl.: Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. 1987 (stw 658).

Pierre Bourdieu, Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handels, Frankfurt/M. 1998, S. 118 (Suhrkamp).

[21] Vgl.: Bernd Röttger, Neoliberale Globalisierung und eurokapitalistische Regulation. Die politische Konstitution des Marktes, Münster 1997 (Westfälisches Dampfboot).

[22] Vgl.: Hartmut Krauss, Faschismus und Fundamentalismus, a. a. O., S. 20 f.

[23] Vgl.: Michael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt/M. 2002 (Campus). Hartmann weist in dieser empirischen Untersuchung nach, dass die Aufstiegschancen für aufstiegswillige Arbeiter- und Bürgerkinder in Politik und Wissenschaft weitaus größer sind als in Justiz und Wirtschaft, wo die zu vergebenden Spitzenpositionen weitgehend von Mitgliedern der Großbourgeoisie „abgedeckt“ sind und diese auch dafür sorgt, dass man „unter sich“ bleibt.

[24] Gerhard Hauck, Einführung in die Ideologiekritik. Bürgerliches Bewusstsein in Klassik, Moderne und Postmoderne, Hamburg 1992, S. 215.

[25] Vgl.: Hartmut Krauss, Faschismus und Fundamentalismus, a. a. O., S. 21 f.

[26] Vgl.: Gebhard Kirchgässner, Homo oeconomicus. Das ökonomische Modell individuellen Verhaltens und seine Anwendung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, 2., erg. und erw. Auflage, Tübingen 2000 (Mohr Siebeck; Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften, 74).

[27] Vgl.: Hartmut Krauss, Faschismus und Fundamentalismus, a. a. O., S. 22.

Von Kurt-Werner Pörtner