Aus gegebenem Anlass…

Die Negativität durch Praxis erneut zu negieren bedeutet die objektiv falsche Gedankenform aufzuheben. Das ist die Idee.

Bei meiner Adorno-Kritik geht es keineswegs darum Adornos Theorie zu kritisieren. Als theoria ist sie ja in der Tat Beobachtung der Gesellschaft. Aber wo Adorno philosophisch bzw. erkenntnistheoretisch oder auch metaphysisch sein theoretisches P r i n z i p ausdrücken will, dass der Nichtidentität – da fehlt die Vermittlung der Praxis. Adornos Vorwurf an Hegel ist ja, dass er das Nichtidentische durch erneute Negation in die Identität wiederherstellt. Das ist eine Identität per se vorausgesetzt. Bei Adorno aber ist die Nichtidentität per se vorausgesetzt! Jegliche Korrespondenz ist durch Nichtidentität durchzogen, d.h. auch dass es stets ein Auseinanderklaffen von Idee und Wirklichkeit, Theorie und Praxis gibt. Wäre das eine Anmerkung zum Unterschied von Idee und Realität, wie es ja bei Hegel als Nichtidentität beschrieben wird, wäre es okay. Aber dahinter steckt ja ein Objektivismus der gesellschaftlichen Totalität, die immer schon jegliche Korrespondenzbeziehung in eine Nichtidentität verwandelt, Wahrheit ist immer als aufgehobene Unwahrheit. Das ist genau so eine Reduktion wie sie Hegel vorgeworfen wird. Ist bei Hegel das Resultat immer ein Positives, so bei Adorno ein Negatives. Schön.

Es gibt Leute, die faseln immer bei Marx von einem „umgekehrten Hegelianismus“. Den sehe ich vielmehr bei Adorno. Denn bei Adorno gibt es wie bei Hegel einen Primat der Theorie vor der Praxis. Praxis wird bei Adorno als eine allgemeine Praxisform vieler besonderen Praxen der Totalität warenproduzierender Gesellschaft aufgefasst. Jegliche besondere Praxen sind damit in der Totalität des Falschen aufgehoben, so wie bei Hegel umgekehrt alle Praxen unter der allgemeinen Idee der Vernunft gefasst werden.

Bei Marx aber ist Praxis ein Erkenntniskriterium! Theorie hat ihre Wahrheit in der Praxis. Ist sie wahr, so ist die Praxis wahr. Bei Adorno nun wird durch die Totalität des Falschen alle Praxis unwahr. Das ist aber eine Reduktion der Praxis auf die Theorie. Das eigentlich Nichtidentische liegt deshalb, so meine These, nicht so sehr in einer kontemplativen Kunst (unbegrifflich gefasst ist sie ohnehin bloß transzendent und wenn begrifflich gefasst, dann doch nur falsche Identität, daher als bloße Anschauung nichtidentisch; und daher subjektivistisch, da nicht begrifflich-allgemein). Das Nichtidentische liegt vielmehr in der Praxis, denn sie ist immer auf die Zukunft hingerichtet.

Hier gewinnt auch Hegel sein Recht, indem er den Inhalt der Praxis als formale Idee expliziert, freilich ist der Inhalt historisch geronnen. In der bürgerlichen Gesellschaft ist es die Forderung der Vernunft, das Versprechen von Glück, die Konstatierung eines freien Wesens usw. Dass wir einen Begriff von Vernunft haben, setzt diese historische Praxis des Bürgertums voraus, als auch das ausgebildete Bewusstsein der bürgerlichen Gesellschaft. In unserer Urteilspraxis können wir dann entscheiden, wie eine Praxis in dieser Tradition beschaffen sein muss, als auch welche Praxis schon qua Begriff dem widerspricht. Allein das hat ein freies Subjekt zur Grundlage, das nicht schon per se durch falsche Totalität ins Unwahre gesetzt sein soll.

Solche Urteilspraxis setzt freilich eine Theorie der bürgerlichen Gesellschaft voraus. Im Grunde müsste man sogar zugespitzt sagen, dass das Allgemeine der Vernunft noch gar nicht verwirklicht ist, da bürgerliche Gesellschaft ja im Grunde Prinzip des Besonderen ist. Dann gegen das Allgemeine zu wettern und das Besondere in Schutz zu nehmen, das scheint dann zunächst sympathisch und man denkt ein historisches Recht gegenüber dem allgemeinen, totalitaristischen Staat oder einem Kollektiv einklagen zu können. Das findet man heute besonders bei den Epigonen der Frankfurter Schule. Aber was wir historisch vorfinden sind vielmehr Staaten/Zustände der Einzelheit (Despotismus, postfeudaler Sozialismus, Monarchie usw.), dann der Besonderheit (bürgerlicher Liberalismus, Kapitalismus jeglicher Couleur usw.) – aber wo bleibt ein Zustand der Allgemeinheit? Vernunftstaat. Er ist die Einheit von Vernunft und Staat, d.h. einem vernünftigen Zustand. Das ist die Perspektive. Und wo er als totalitaristischer aufgefasst wird, so ist er bloß eine Privation, die durch die Besonderung der Subjekte in der bürgerlichen Gesellschaft entsteht. Meines Erachtens war Hegel mit seinem Begriff von Staat viel revolutionärer, als er heute eher als Reaktionär gelesen wird…

Die Erreichung des Vernunftstaates kann natürlich nur auf der Grundlage der besonderen Individuen der bürgerlichen Gesellschaft erlangt werden, das ist unser Stand. Indem sie in ihrem besonderen Interesse das allgemeine Gattungsinteresse erkennen, sind sie auch in der Lage eine Idee eines allgemeinen Vernunftstaates zu gewinnen. Die Bewegung, die dahin führt, ist der Kommunismus. Das ist der Zusammenschluss von besonderen Individuen zu einer allgemeinen Praxis aus Freiheit. Das ist freilich ein Ideal. Es lässt sich leicht überall die Nichtidentität oder einfach gesagt den Unterschied zu seiner begrifflichen Explikation und der wirk-lichen Praxis vorrechnen. Aber das ist eine Urteilskraft f ü r das Ideal, denn es ist begrifflich vorausgesetzt. Negative Dialektik ist also lediglich eine Vereinseitigung, wenn sie nicht als ein Moment aufgefasst wird. Daher auch Adornos Fragmentarismus, lauter Momente. Dass sich die Idee von der Wirklichkeit unterscheidet, das ist vielmehr Bedingung der Möglichkeit von Praxis. Denn sonst wäre sie identisch mit dem, was ist – und dann wäre Theorie immer wahr.