Als Gustav auf einer Party war

Einst wurde Gustav gefragt: Und, wie war die Party noch so? „Ihr Ende glich dem Anfang. Sie ging ihren Gang und ging zu Ende, wie sie angefangen hat. In der Philosophie hieße das „Substanz“. Aber als Materialisten haben wir eine ganz eigene Kritik am Spinozismus, der Lehre es gäbe nur eine Substanz. Solches Abstraktum ist nichtidentisch mit der Wirklichkeit, es gibt schließlich mehrere Substanzen. Vielleicht unendlich mit mindestens genau so unendlichen Affektionen. Doch eines teilen wir mit dem Spinozismus: Es gibt nur zwei Attribute. Das ist zum Einen das Attribut des Denkens und zum Anderen das Attribut der Ausdehnung. Als Dialektiker setzen wir natürlich solche Differenz in Indifferenz und erhalten zum Resultat die Breitheit der Ausdehnung und die Gedankenlosigkeit darin. Diese Einheit von Positivität und Negativität gibt uns zu denken. Sicher, Materialismus ist seiner ideellen Selbstnegation bewusst. Doch solche immer schon aporetisch endende negative Dialektik wissen wir praktisch aufzuheben. Die an sich seienden Substanzen sind folglich zum Fürsichsein zu erheben. Darin gewinnen wir ein subjektives Verhältnis zur objektiven Party. Wir wollen es die Subjektivität der Party nennen. In der Afterhour geht es dann sehr postmodern zu. Alles, was da war, wurde mal probiert. Foucaults Satz vom Verschwinden des Subjekts wie eine Falte im Diskurs gewinnt an wirklicher Konkretion. Das Subjekt wurde somit nicht nur onto-logisch dekonstruiert, sondern auch ontisch – echter Materialismus. Die Kritik der Postmoderne besteht dann darin ihre Unwahrheit als werdende Unwirklichkeit abzuschütteln. Übrig bleibt dann die ernüchterte Eule der Minerva, die erst mit der anbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt.“

Aus gegebenem Anlass…

Die Negativität durch Praxis erneut zu negieren bedeutet die objektiv falsche Gedankenform aufzuheben. Das ist die Idee.

Bei meiner Adorno-Kritik geht es keineswegs darum Adornos Theorie zu kritisieren. Als theoria ist sie ja in der Tat Beobachtung der Gesellschaft. Aber wo Adorno philosophisch bzw. erkenntnistheoretisch oder auch metaphysisch sein theoretisches P r i n z i p ausdrücken will, dass der Nichtidentität – da fehlt die Vermittlung der Praxis. Adornos Vorwurf an Hegel ist ja, dass er das Nichtidentische durch erneute Negation in die Identität wiederherstellt. Das ist eine Identität per se vorausgesetzt. Bei Adorno aber ist die Nichtidentität per se vorausgesetzt! Jegliche Korrespondenz ist durch Nichtidentität durchzogen, d.h. auch dass es stets ein Auseinanderklaffen von Idee und Wirklichkeit, Theorie und Praxis gibt. Wäre das eine Anmerkung zum Unterschied von Idee und Realität, wie es ja bei Hegel als Nichtidentität beschrieben wird, wäre es okay. Aber dahinter steckt ja ein Objektivismus der gesellschaftlichen Totalität, die immer schon jegliche Korrespondenzbeziehung in eine Nichtidentität verwandelt, Wahrheit ist immer als aufgehobene Unwahrheit. Das ist genau so eine Reduktion wie sie Hegel vorgeworfen wird. Ist bei Hegel das Resultat immer ein Positives, so bei Adorno ein Negatives. Schön.

Es gibt Leute, die faseln immer bei Marx von einem „umgekehrten Hegelianismus“. Den sehe ich vielmehr bei Adorno. Denn bei Adorno gibt es wie bei Hegel einen Primat der Theorie vor der Praxis. Praxis wird bei Adorno als eine allgemeine Praxisform vieler besonderen Praxen der Totalität warenproduzierender Gesellschaft aufgefasst. Jegliche besondere Praxen sind damit in der Totalität des Falschen aufgehoben, so wie bei Hegel umgekehrt alle Praxen unter der allgemeinen Idee der Vernunft gefasst werden.

Bei Marx aber ist Praxis ein Erkenntniskriterium! Theorie hat ihre Wahrheit in der Praxis. Ist sie wahr, so ist die Praxis wahr. Bei Adorno nun wird durch die Totalität des Falschen alle Praxis unwahr. Das ist aber eine Reduktion der Praxis auf die Theorie. Das eigentlich Nichtidentische liegt deshalb, so meine These, nicht so sehr in einer kontemplativen Kunst (unbegrifflich gefasst ist sie ohnehin bloß transzendent und wenn begrifflich gefasst, dann doch nur falsche Identität, daher als bloße Anschauung nichtidentisch; und daher subjektivistisch, da nicht begrifflich-allgemein). Das Nichtidentische liegt vielmehr in der Praxis, denn sie ist immer auf die Zukunft hingerichtet.

Hier gewinnt auch Hegel sein Recht, indem er den Inhalt der Praxis als formale Idee expliziert, freilich ist der Inhalt historisch geronnen. In der bürgerlichen Gesellschaft ist es die Forderung der Vernunft, das Versprechen von Glück, die Konstatierung eines freien Wesens usw. Dass wir einen Begriff von Vernunft haben, setzt diese historische Praxis des Bürgertums voraus, als auch das ausgebildete Bewusstsein der bürgerlichen Gesellschaft. In unserer Urteilspraxis können wir dann entscheiden, wie eine Praxis in dieser Tradition beschaffen sein muss, als auch welche Praxis schon qua Begriff dem widerspricht. Allein das hat ein freies Subjekt zur Grundlage, das nicht schon per se durch falsche Totalität ins Unwahre gesetzt sein soll.

Solche Urteilspraxis setzt freilich eine Theorie der bürgerlichen Gesellschaft voraus. Im Grunde müsste man sogar zugespitzt sagen, dass das Allgemeine der Vernunft noch gar nicht verwirklicht ist, da bürgerliche Gesellschaft ja im Grunde Prinzip des Besonderen ist. Dann gegen das Allgemeine zu wettern und das Besondere in Schutz zu nehmen, das scheint dann zunächst sympathisch und man denkt ein historisches Recht gegenüber dem allgemeinen, totalitaristischen Staat oder einem Kollektiv einklagen zu können. Das findet man heute besonders bei den Epigonen der Frankfurter Schule. Aber was wir historisch vorfinden sind vielmehr Staaten/Zustände der Einzelheit (Despotismus, postfeudaler Sozialismus, Monarchie usw.), dann der Besonderheit (bürgerlicher Liberalismus, Kapitalismus jeglicher Couleur usw.) – aber wo bleibt ein Zustand der Allgemeinheit? Vernunftstaat. Er ist die Einheit von Vernunft und Staat, d.h. einem vernünftigen Zustand. Das ist die Perspektive. Und wo er als totalitaristischer aufgefasst wird, so ist er bloß eine Privation, die durch die Besonderung der Subjekte in der bürgerlichen Gesellschaft entsteht. Meines Erachtens war Hegel mit seinem Begriff von Staat viel revolutionärer, als er heute eher als Reaktionär gelesen wird…

Die Erreichung des Vernunftstaates kann natürlich nur auf der Grundlage der besonderen Individuen der bürgerlichen Gesellschaft erlangt werden, das ist unser Stand. Indem sie in ihrem besonderen Interesse das allgemeine Gattungsinteresse erkennen, sind sie auch in der Lage eine Idee eines allgemeinen Vernunftstaates zu gewinnen. Die Bewegung, die dahin führt, ist der Kommunismus. Das ist der Zusammenschluss von besonderen Individuen zu einer allgemeinen Praxis aus Freiheit. Das ist freilich ein Ideal. Es lässt sich leicht überall die Nichtidentität oder einfach gesagt den Unterschied zu seiner begrifflichen Explikation und der wirk-lichen Praxis vorrechnen. Aber das ist eine Urteilskraft f ü r das Ideal, denn es ist begrifflich vorausgesetzt. Negative Dialektik ist also lediglich eine Vereinseitigung, wenn sie nicht als ein Moment aufgefasst wird. Daher auch Adornos Fragmentarismus, lauter Momente. Dass sich die Idee von der Wirklichkeit unterscheidet, das ist vielmehr Bedingung der Möglichkeit von Praxis. Denn sonst wäre sie identisch mit dem, was ist – und dann wäre Theorie immer wahr.

Einmal erkannte Gustav sich selbst.

Was nämlich bekannt ist, das wird erkannt. Der nicht schreibt, der liest nicht. Der nicht liest, der schreibt nicht. Lesen und Schreiben ist einheitliche Tätigkeit. Das Subjekt bildet sich am Objekt. Am Subjekt zeigt sich das Objekt. Das Subjekt ist auch Objekt, das Objekt ist nur für das Subjekt. Das Subjekt ist sich selbst Gegenstand. Subjekt und Objekt ist Ansichsein und Fürsichsein des Geistes. Das Subjekt liest das Buch seiner selbst. Das Subjekt schreibt das Buch seiner selbst. Das Buch wird gelesen. Das Buch wird geschrieben. Im Buch des Subjekts verdoppelt es sich. Das Buch ist das Subjekt des Subjekts, als Objekt. Subjekt erkennt Subjekt, als Objekt. Das Buch des Objekts verdoppelt sich ebenso. Es ist Objekt eines Objekts, als Subjekt. Das Buch des Subjekts erzählt eine Geschichte des sich selbst bewussten Ichs. Das Buch des Objekts erzählt eine Geschichte des durch Gegenstände bestimmten Gegenstands. Erstes Buch ist subjektiv, zweitens objektiv. Das Subjektive ist das Objektive – Ich und Nicht-Ich sind Eines. Dies Absolute, das sich in einer endlichen Welt verendlicht, endet stets als endlicher Mensch.
Gustav ist ein Mensch. Was er kennt, das erkennt er auch wieder. Wenn er nicht schreibt, dann liest er auch nicht viel. Wenn er nicht liest, was gäbe es zu schreiben? Also versucht er beiderlei. Gustav bildet sich Gegenstände. Was diese Gegenstände sind, sagen etwas über Gustavs Bildung aus. Nun kann er sich auch selbst als Gegenstand betrachten, aber dabei ist es doch Gustav selbst, der sich betrachtet. Gustav ist sich selbst Gegenstand, alle anderen Gegenstände sind nur für Gustav. Jetzt liest Gustav sich selbst. Er schreibt auch von sich. Der Text wird gelesen. Der Text wird aber auch gerade geschrieben. Bei Gustav ist er als auch der Text dasselbe. Er schreibt über sich selbst in einem Text. Darin erkennt er sich selbst, freilich in diesem Text. Dieser Text jedoch ist nicht bloß ein Text, sondern hat darin einen Gegenstand: Gustav. Alles, was Gustav über sich erzählt, ist alles was Gustav von sich weiß. Der Text wiederum enthält alle Gegenstände als Gegenstand. Was Gustav über sich denkt, hängt von ihm ab, der Gegenstand hängt aber nur von einem anderen Gegenstand ab. Gustav ist nun Gegenstand dieses Textes, er hängt von sich selbst als auch dieses Textes ab. Was Gustav ist und was Gustav nicht ist, das ist eine Frage der Zeit und davon handelt seine Erzählung. Es bleibt immer der eine Text des Gustavs. Dahinter kann er nicht zurückgehen, daher ist Gustav an vergängliche Sachen gebunden und ist so selbst nur vergänglich.
Texte sind der Form nach unvergänglich, in der historischen Gestalt jedoch verwelken sie. Das mag für Gustav ein Trost sein. Glücklich ist er damit aber nicht. Und was ihn noch viel bedenklicher stimmt: Er wird sich selbst schlicht nicht los.

Wort zum Sonntag

Das Sein ist ein wilder Fluss, worin aller denkmögliche Unrat schwimmt.
Die Monarchie der Vernunft ist längst gestürzt.
Lieben sollst du die Welt, boshaft lachen – ist eine Freude zu leben.
Leib und Seele sind eins, der Kater am nächsten Tag verrät’s dir.
Inbegriff aller möglichen Realität: der Späti um die Ecke.
Gehst du unter, musst du’s feiern.
Das System heutigen Denkens muss auf einen Bierdeckel passen.
Eitel ist die Klage über die Dummheit, und dumm.
Das Unwahre ist das Halbe.
Die Sphinx sagt: Es ist ein verlaufener Analogkäse auf einem versifften Sofa.
Der Mensch ist ein zoon oinon echon.
Zum Trinkgelage kommt sogar Zeus runter vom Himmel und sagt: Ich würde auch eins trinken.
Nach der Zerstreuung fragst du dich, wer dich überhaupt noch aufsammelt.

Be-Wegung

Wenn der unbewegte Beweger die Bewegten nicht mehr bewegt, ist er weglos.

Die reine Form ist unbewegt und deshalb vollkommen bei sich, sie ist dadurch Form der Form.

Das ist der Geist, der ohne Weg zur Ruhe kommt, doch die Wege der Welt bewegen wird.

Die Stille ist der Telos des Geistes, dadurch wird er ein in sich ruhender Geist.

Telos heißt Zweck und Ziel – aber auch ebensosehr Ende und Tod.

Was einen Weg noch hat, bewegt sich; was sich bewegt, das lebt.

Der Unbewegte aber, der über das Bewegte nachsinnt, verfolgt dessen Weg.

Der Weg ist das Ziel, das heißt der Weg ist der Telos; das Lebende muss sterben.

Einem bewegten Weg zu folgen heißt sich nicht zu bewegen, sondern dem Bewegten nach wegen.

Der, der den Weg nicht beschreitet, sondern ihn in einer Karte vermerkt, beobachtet das Seiende.

Nur der Ruhende überblickt die Karte, abstrahiert von dem Bewegten und macht sich so frei.

Doch seine Freiheit ist abstrakt, denn sie ist die einsame Stille, wesentlich tot.

Dieser Weglose ist der unbewegte Beweger – und was sich bewegt, bewegt auch ihn.

Seine Lage ist ausweglos – als Wegloser die Wege bewegen zu müssen.

So aber versteht er sie erst, weil der Geist auf der rohen Erde Wege baut.

Der unbewegte Beweger ist der kontemplative Geist, der in Ruhe die Architektur zeichnet.

Die Entbergung des Menschen

Ein Mythos des Menschen über sich selbst:
Als Gott die Welt schuf, da schuf er auch die Dinge. In der Tat, welch‘ Freude! Die Menschen seufzen: Ohne sie würden wir zugrunde gehen, wir hätten keine Freude mehr! Der Mensch aber braucht Freude, Herzenswesen ist er. Nicht jene, die hinter den endlichen Dingen den Horizont des Unendlichen wittern. Dinge, bloße Dinge! Solche Menschen sind freudlos, unbefriedigt, sie schließen von der Endlichkeit der Dinge auf Gott. Jene aber, die sich selbst erhalten, erschaffen die endlichen Dinge – die Dinge erscheinen ihnen als der Äther des Absoluten. Jene jedoch, die sich Gott zugewandt haben, um ihn zu begreifen, sehen das Unendliche an ihm ein. Jene aber, die sich Gott zugewandt haben, um ihn abzutun wie Ding unter Dingen, sehen nicht mehr in ihm als ein endliches Wesen, ein verklungenes Wort, an das sich glauben lässt oder nicht. Doch die, die die abstrakte Geschiedenheit von Endlichkeit und Unendlichkeit für unerträglich halten, verlangen den Fall Gottes vom Paradies herunter zum Jammertal, ja dass er noch durch sie hindurch falle und in der Hölle lande, um zu sehen, was er eigens geschöpft! Jede theologische Stufe von der Hölle bis zum Paradies ist im menschlichen Gattungswesen aufgehoben, die Sphinx spricht es aus: Es ist der Mensch. In der Tat, der Mensch hat sich bis zu diesem Bewusstsein heraufgearbeitet, um nunmehr aber deutlich zu erkennen, dass indem er sich Gott gleichgemacht hat, die Theodizee nunmehr eine Anklage gegen den Mensch werden muss. Naht die Apokalypse, vernichten die Menschen die Dinge, bis nichts weiter übrig bleibt, als das abstrakte Subjekt, das nur noch sich selbst zum Objekt machen wird. Sie beten zu Gott, aber der ist nicht mehr da, man kann an ihn nicht mehr glauben, seinen Namen nicht mehr aussprechen – alles, was sich das Subjekt zum Objekt machen kann, ist verschwunden. Das Objekt ist das Subjekt. Der Mensch entschleiert sich selbst – hoffen wir, dass dann das Subjekt bei allen Dingen wahrlich Substanz bleibt und sie nach seinem Herzen schafft.

Gustav und die Entfremdung

Die Welt rauscht an Gustav vorbei, aber Gustav wird von ihr nicht berührt. Er beharrt in ihr, die ihm als ein Sammelsurium des Zufalls erscheint. Um nicht im Strom des Werdens unterzugehen, verweilt Gustav bei sich selbst – doch er wird von der Welt mitgerissen. Er beobachtet sie als Fremdes. Er versteht sie, doch macht sie sich nicht zueigen. Das Fremde bleibt vielmehr als solches, es ist der Riss durch Gustav und die Welt. Verweile doch, du bist so schön – das ist der Geist, der in absoluter Immanenz bei sich selbst weilt. Aber damit bleibt er bloß bei sich, in ihm selbst gibt es ein Heiligtum – doch die Welt, die Welt ist verlassen. Sie muss zunächst vergöttlicht werden, damit sie Gustav zueigen wird. Ist sie es geworden, so sieht er in ihr nicht mehr als eine tote Gestalt seiner selbst. Dem Toten als der absoluten Ruhe ist Gustav entgegengesetzt, er ist absolute Bewegung. Darum ist ihm die Welt ein einziges Akzidenz, er sich Substanz. Doch das Subjekt ist nur an dem Objekt die Wahrheit, damit wird eine Erscheinung der Substanz bereits negiert. Doch sie beharrt. Das Verharren in der Welt, die spurvoll an Gustav vorbeizieht. Dabei ist er es selbst, der die absolute Bewegung darstellt: Das Unbehagen der Vergangenheit hinterherzuschauen ist bloß die Selbstentfremdung des Subjekts, das im Werden begriffen ist. Gustavs Worte sind die toten Gestalten des Gewordenen, sie bilden die Indikatoren für den Stand des Geistes. Viele Menschen halten die Beharrlichkeit gegenüber der Welt für wahr, sagt Gustav – denn wer sich in das reine Denken verliert, verliert die Welt und kann darin nicht mehr sein. Das Dasein Gustavs hinkt darum der Welt hinterher. Den Blumen in der Welt entsagt er, denn sie verwelken. Das sagt aber, dass er längst verwelkt ist. Wer sich dem Treiben des Weltgeschehens entzieht, muss dies mit dem Preis der Selbstauflösung bezahlen, denn das Subjekt realisiert sich am Objekt. Gustavs Befassen mit sich selbst führt unausweichlich in die Schau der ergrauten Wege, die er noch als bunt und mannigfaltig beging. Es ist ein ewiger Kampf zwischen Gustav und der Welt – das Telos ist die Versöhnung, die Heimatlichkeit, in der alles Innere wie Äußere bekannt geworden ist.

Traum

Der Mensch, es ist ein Prädikat. Ungesättigt und verlangt nach dem Subjekt, dem gesättigten. Es ist das Selbstbewusstsein, das Wissen um sich und die Welt – dann aber auch um andere. Doch weiß auch der Mensch schon, was er nicht hat, was er nicht weiß – was verloren gegangen ist. Immer wiederkehrend kommen Erlebnisse wieder in der Erinnerung zum Vorschein, wenn sie schon längst totgesagt, totgeglaubt und verunmöglicht geworden sind. Wie Benjamins Engel der Geschichte bleibt dem Subjekt die Wiederkehr in die Vergangenheit verwehrt und bloß die Narben trägt der Mensch von ihr: er hat sie überlebt. Selbstverwirklichung bedeutete die Aktualisierung einer unterstellten Potenz eines jeden Individuums, aber diese ändert sich. Daher ist es der Traum des Bürgertums Frieden in den Gemäuern der Warengesellschaft zu finden. Zu den Selbsterhaltungstechniken gehört der Besuch von Auerbachs Keller und Platons Höhle. Doch was sich so erhält, das ist ein Darben. In menschlichen Träumen, wenigstens, kehrt das Begehren als Erfülltes wieder – doch der Mensch muss aufwachen. Was dem Engel versagt blieb, das klagt der Mensch vor dem Gerichtshof der Geschichte ein oder zieht seinen Widerspruch zurück. Die Geschichte ist unwiederbringbar – aber das Bewusstsein ist gegenwärtig. Mit der Geburt hat der Mensch eine Welt gewonnen und sich ihr entfremdet. Seine Aufgabe nunmehr: die Versöhnung mit ihr –ideell und als Erfüllung der Begierde. Er weiß um sich nicht als Mängelwesen, sondern weiß um die akzidentiellen Mängel, die es aufzuheben gilt. Auch lieben soll er. Doch die Frage nach der bestimmten Liebe wurde zur Frage nach der bestimmten Negation: Ist die irdische, diesseitige Liebe nicht möglich, so verbleibt sie doch wenigstens im Geiste, der sich nunmehr gegen die Versagung rüstet.

An die Zeit

Einmal fragten die Menschen die Zeit: Wann wirst du endlich anhalten und endlich sein, wie wir es sind? Es wird langsam Zeit, dass du dich selbst erkennst! Die Zeit entgegnet: An sich bin ich die Unendlichkeit – für sich bin ich die schlechte Unendlichkeit.

Die Menschen ahnten nicht, dass die Sprache der Zeit eine Schwierigkeit birgt. Denn mit „schlechter Unendlichkeit“ meint die Zeit bloß, dass sie einfache und darum abstrakte Unendlichkeit ist – es ist ein altes Wort für „schlicht“. Die Menschen aber nahmen die Zeit wiederum beim Wort: in der einfachen Bedeutung, dass es um ihre historische Lage schlecht bestellt ist. Und dass sie den Schein der Unendlichkeit an sich hat.

Endliche Wesen sind die Menschen bloß, darum machen sie Fehler und missverstehen die Zeit: Für uns bist du nicht mehr als das Schlechte. Wir brauchen aber eine gute Zeit.

Dönerbegegnung II

Döner für Studenten, nur 2 Euro.

In einer langen, breiten Straße voller Ramschläden und Imbissbuden ging Gustav seinem Hunger nach und bestellte einen Döner in einem Dönerladen mit dem Schild „Kebap Döner“. Vorbei kam ein scheinbar Bekannter des Dönermenschens, sie spaßten etwas miteinander, der Kunde erzählte dem Dönermenschen seine Kundentreue.

„Ein bisschen Spaß im Leben muss sein!“ singt leicht der Spießarbeiter. Salat alles, Knoblauch und scharf bitte. Als Gustav in seinen fettigen, aber schmeckenden Döner biss, meinte der Verkäufer es sei so heiß draußen und sang weiter sein eigens improvisiertes Lied. „Heiß, sehr heiß, allerdings.“

Eine Frage: Warum muss man so fröhlich sein? – „Man muss im Geschäft immer fröhlich sein. Immer lächeln, immer lächeln. Bei Freunde und Familie nein, aber im Geschäft muss man immer fröhlich sein. Lalala…“ – „Bei mir können sie auch traurig sein.“ – „Aber ich bin fröhlich, man muss ein bisschen Spaß im Leben haben. Im Geschäft muss man immer gut gelaunt sein.“

Gustav schweigte und biss abermals in seinen Döner, von dem kleine Stückchen auf den Teller fielen. Er war schweigsam, weil ratlos. Innerer Gedanke: Aber in einer schlechten Welt, da muss man doch seinen Menschen mitteilen, dass man traurig ist, dann kann man darüber reden, geteiltes Leid ist weniger Leid – das Subjekt muss die Verhältnisse spiegeln. Doch es ist ein Theater, Charaktermasken. Hinaus: Ciao. Der Verkäufer war im hinteren Dönerbudenteil mit irgendwas beschäftigt und rief mit großem Lächeln: Ciao! und etwas Unverständliches nach.

Es ist einer dieser Brechtschen Menschen, eine Realkarikatur der fröhlichen Ich-AG im Neoliberalismus.