Ich finde überhaupt ethische Debatten einfach nicht sinnvoll. Es sind letztendlich Sprachakte, die aus sind Menschen zu tadeln oder zu loben. Wie begründet auch immer. Daraus werden heute ganze Weltanschauungen gebaut, z.B. Leute, die „ethischen Konsum“ einfordern, dann Leute die „gegen Sexismus“ sind, Leute die gegen „rassistischen Inhalt“ sind.
So inhaltlich sie auch richtig mögen – und ich gehe da weit mit –, so sehr moralisieren sie bloß mit ihrer Diskurspraxis. Dabei gelte es doch gesellschaftliche Kritik zu üben, die – eben gesellschaftlichen Horizont hat. Was da an Festivals für „Kritik“ geübt wird, das betrifft einen partikularen sozialen Raum, der bestimmte Handlungen lobt und tadelt.
Ist diese Perspektive nicht allzu eingeschränkt? Es reicht nicht das Ganze zu erwähnen und dann seinen partikularen Blickwinkel weiterzuführen. Man muss mit dem Ganzen endlich mal ernst machen und allgemeine Kritik üben. Das Wichtigste: sich aber stets bewusst sein, dass man sich in der Gesellschaft zu der Gesellschaft verhält. Diese selbst ernannten „Kritiker“ missverstehen allzu oft ihre soziale Rolle, maßen sich an die „allzumenschlichen Moralgesetzverstößer“ zu belehren.
Dabei gelte es doch diese partikularen Ereignisse, an denen sich das Unbehagen entwickelt, zu einer allgemeinen Theorie zum Begriff zu erheben. Diese Theorie ist das allgemeine Unbehagen in der Gesellschaft, nicht bloß jenes Monieren dort, dieses Lamentieren hier.
Zudem gilt bei diesen ethischen Debatten noch eins zu bedenken: die moralisch ausgebildete und theoretisch versierte Urteilskraft übersieht bei ihrer vernichtenden oder doch mindestens abgrenzungszielstrebenden Kritik ihre eigene Abgrenzung vom O b j e k t d e r K r i t i k. Dieses Objekt der Kritik ist doch gerade der Gegenstand der Auseinandersetzung. Einfach zu sagen: sie entsprechen nicht meinem emanzipatotischen Ideal ist so viel wie: dieses Theaterstück gefällt mir nicht, ich gehe nach Hause.
Es ist grundbürgerliche Kritik, die nicht erkennt, dass die Kritik selbst schon so schlecht ist wie das Objekt der Kritik. Das Kritikersubjekt wähnt gegenüber seinem Objekt erhaben, doch sieht nicht, dass es – in dem es das Objekt erkennt – in das Objekt eintaucht. So wie der Satz „Gott ist das Sein“ nicht nur meint, dass Gott ist, sondern dass das Sein auch göttlich ist.
Damit folgt auch: die Kritik – und damit das vollziehende Subjekt – muss sich im Klaren sein, dass sie nie besser als das kritisierte Objekt ist, so lange sie nicht über das Objekt hinaus ist. Aber dazu müsste sich das Objekt erst einmal ändern. Es müsste sich über die Kritik erheben, sie aufheben – sie obsolet machen. Das war Adornos Einsicht, die heute so unendlich im Satz „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ verschwommen wiederkommt. Das ist kein Freifahrtschein zur Resignation, sondern fordert die Anstrengung des Negativen auf sich zu nehmen, sich radikal mit der Welt in eins zu setzen und die Welt als das Unbehagen, das noch einmal im Subjekt pulsiert, zu erfahren und die Kritik schließlich an die Welt zu richten, wohin sie verdammt nochmal auch gehört.
Es ist die banale Einsicht: hat man sich von einem Teil der Welt abgewandt, weil sie dem Ideal nicht entspricht, so hat man vielmehr einen Teil der Welt verloren. Dabei gilt es hinzuschauen, „beim Negativen zu verweilen“. Es permanent in den geistigen Prozess zu integrieren, nicht für ein abgekatertes Spiel zu erklären, sondern dem Elend ins Anlitz zu gaffen.
Ethische Kritik verweilt bloß beim Subjekt (bei sich selbst), versteht die Welt nicht, wähnt sich über das kritisierte Objekt erhaben und fällt deshalb unter des Objekt. Im doppelten Sinn: das Niveau ist tiefer, da es die Sache als solche nicht einmal erreicht hat. Und es fällt unter sie im Sinne der Subsumtion, in dem Sinne, dass sie nicht anders ist, als das kritisierte Objekt: schlecht.
Deshalb: Theorie statt ethischer Gerichtshof.