Das Sein ist ein wilder Fluss, worin aller denkmögliche Unrat schwimmt.
Die Monarchie der Vernunft ist längst gestürzt.
Lieben sollst du die Welt, boshaft lachen – ist eine Freude zu leben.
Leib und Seele sind eins, der Kater am nächsten Tag verrät’s dir.
Inbegriff aller möglichen Realität: der Späti um die Ecke.
Gehst du unter, musst du’s feiern.
Das System heutigen Denkens muss auf einen Bierdeckel passen.
Eitel ist die Klage über die Dummheit, und dumm.
Das Unwahre ist das Halbe.
Die Sphinx sagt: Es ist ein verlaufener Analogkäse auf einem versifften Sofa.
Der Mensch ist ein zoon oinon echon.
Zum Trinkgelage kommt sogar Zeus runter vom Himmel und sagt: Ich würde auch eins trinken.
Nach der Zerstreuung fragst du dich, wer dich überhaupt noch aufsammelt.
Wenn der unbewegte Beweger die Bewegten nicht mehr bewegt, ist er weglos.
Die reine Form ist unbewegt und deshalb vollkommen bei sich, sie ist dadurch Form der Form.
Das ist der Geist, der ohne Weg zur Ruhe kommt, doch die Wege der Welt bewegen wird.
Die Stille ist der Telos des Geistes, dadurch wird er ein in sich ruhender Geist.
Telos heißt Zweck und Ziel – aber auch ebensosehr Ende und Tod.
Was einen Weg noch hat, bewegt sich; was sich bewegt, das lebt.
Der Unbewegte aber, der über das Bewegte nachsinnt, verfolgt dessen Weg.
Der Weg ist das Ziel, das heißt der Weg ist der Telos; das Lebende muss sterben.
Einem bewegten Weg zu folgen heißt sich nicht zu bewegen, sondern dem Bewegten nach wegen.
Der, der den Weg nicht beschreitet, sondern ihn in einer Karte vermerkt, beobachtet das Seiende.
Nur der Ruhende überblickt die Karte, abstrahiert von dem Bewegten und macht sich so frei.
Doch seine Freiheit ist abstrakt, denn sie ist die einsame Stille, wesentlich tot.
Dieser Weglose ist der unbewegte Beweger – und was sich bewegt, bewegt auch ihn.
Seine Lage ist ausweglos – als Wegloser die Wege bewegen zu müssen.
So aber versteht er sie erst, weil der Geist auf der rohen Erde Wege baut.
Der unbewegte Beweger ist der kontemplative Geist, der in Ruhe die Architektur zeichnet.
Ein Mythos des Menschen über sich selbst:
Als Gott die Welt schuf, da schuf er auch die Dinge. In der Tat, welch‘ Freude! Die Menschen seufzen: Ohne sie würden wir zugrunde gehen, wir hätten keine Freude mehr! Der Mensch aber braucht Freude, Herzenswesen ist er. Nicht jene, die hinter den endlichen Dingen den Horizont des Unendlichen wittern. Dinge, bloße Dinge! Solche Menschen sind freudlos, unbefriedigt, sie schließen von der Endlichkeit der Dinge auf Gott. Jene aber, die sich selbst erhalten, erschaffen die endlichen Dinge – die Dinge erscheinen ihnen als der Äther des Absoluten. Jene jedoch, die sich Gott zugewandt haben, um ihn zu begreifen, sehen das Unendliche an ihm ein. Jene aber, die sich Gott zugewandt haben, um ihn abzutun wie Ding unter Dingen, sehen nicht mehr in ihm als ein endliches Wesen, ein verklungenes Wort, an das sich glauben lässt oder nicht. Doch die, die die abstrakte Geschiedenheit von Endlichkeit und Unendlichkeit für unerträglich halten, verlangen den Fall Gottes vom Paradies herunter zum Jammertal, ja dass er noch durch sie hindurch falle und in der Hölle lande, um zu sehen, was er eigens geschöpft! Jede theologische Stufe von der Hölle bis zum Paradies ist im menschlichen Gattungswesen aufgehoben, die Sphinx spricht es aus: Es ist der Mensch. In der Tat, der Mensch hat sich bis zu diesem Bewusstsein heraufgearbeitet, um nunmehr aber deutlich zu erkennen, dass indem er sich Gott gleichgemacht hat, die Theodizee nunmehr eine Anklage gegen den Mensch werden muss. Naht die Apokalypse, vernichten die Menschen die Dinge, bis nichts weiter übrig bleibt, als das abstrakte Subjekt, das nur noch sich selbst zum Objekt machen wird. Sie beten zu Gott, aber der ist nicht mehr da, man kann an ihn nicht mehr glauben, seinen Namen nicht mehr aussprechen – alles, was sich das Subjekt zum Objekt machen kann, ist verschwunden. Das Objekt ist das Subjekt. Der Mensch entschleiert sich selbst – hoffen wir, dass dann das Subjekt bei allen Dingen wahrlich Substanz bleibt und sie nach seinem Herzen schafft.
Die Welt rauscht an Gustav vorbei, aber Gustav wird von ihr nicht berührt. Er beharrt in ihr, die ihm als ein Sammelsurium des Zufalls erscheint. Um nicht im Strom des Werdens unterzugehen, verweilt Gustav bei sich selbst – doch er wird von der Welt mitgerissen. Er beobachtet sie als Fremdes. Er versteht sie, doch macht sie sich nicht zueigen. Das Fremde bleibt vielmehr als solches, es ist der Riss durch Gustav und die Welt. Verweile doch, du bist so schön – das ist der Geist, der in absoluter Immanenz bei sich selbst weilt. Aber damit bleibt er bloß bei sich, in ihm selbst gibt es ein Heiligtum – doch die Welt, die Welt ist verlassen. Sie muss zunächst vergöttlicht werden, damit sie Gustav zueigen wird. Ist sie es geworden, so sieht er in ihr nicht mehr als eine tote Gestalt seiner selbst. Dem Toten als der absoluten Ruhe ist Gustav entgegengesetzt, er ist absolute Bewegung. Darum ist ihm die Welt ein einziges Akzidenz, er sich Substanz. Doch das Subjekt ist nur an dem Objekt die Wahrheit, damit wird eine Erscheinung der Substanz bereits negiert. Doch sie beharrt. Das Verharren in der Welt, die spurvoll an Gustav vorbeizieht. Dabei ist er es selbst, der die absolute Bewegung darstellt: Das Unbehagen der Vergangenheit hinterherzuschauen ist bloß die Selbstentfremdung des Subjekts, das im Werden begriffen ist. Gustavs Worte sind die toten Gestalten des Gewordenen, sie bilden die Indikatoren für den Stand des Geistes. Viele Menschen halten die Beharrlichkeit gegenüber der Welt für wahr, sagt Gustav – denn wer sich in das reine Denken verliert, verliert die Welt und kann darin nicht mehr sein. Das Dasein Gustavs hinkt darum der Welt hinterher. Den Blumen in der Welt entsagt er, denn sie verwelken. Das sagt aber, dass er längst verwelkt ist. Wer sich dem Treiben des Weltgeschehens entzieht, muss dies mit dem Preis der Selbstauflösung bezahlen, denn das Subjekt realisiert sich am Objekt. Gustavs Befassen mit sich selbst führt unausweichlich in die Schau der ergrauten Wege, die er noch als bunt und mannigfaltig beging. Es ist ein ewiger Kampf zwischen Gustav und der Welt – das Telos ist die Versöhnung, die Heimatlichkeit, in der alles Innere wie Äußere bekannt geworden ist.
Der Mensch, es ist ein Prädikat. Ungesättigt und verlangt nach dem Subjekt, dem gesättigten. Es ist das Selbstbewusstsein, das Wissen um sich und die Welt – dann aber auch um andere. Doch weiß auch der Mensch schon, was er nicht hat, was er nicht weiß – was verloren gegangen ist. Immer wiederkehrend kommen Erlebnisse wieder in der Erinnerung zum Vorschein, wenn sie schon längst totgesagt, totgeglaubt und verunmöglicht geworden sind. Wie Benjamins Engel der Geschichte bleibt dem Subjekt die Wiederkehr in die Vergangenheit verwehrt und bloß die Narben trägt der Mensch von ihr: er hat sie überlebt. Selbstverwirklichung bedeutete die Aktualisierung einer unterstellten Potenz eines jeden Individuums, aber diese ändert sich. Daher ist es der Traum des Bürgertums Frieden in den Gemäuern der Warengesellschaft zu finden. Zu den Selbsterhaltungstechniken gehört der Besuch von Auerbachs Keller und Platons Höhle. Doch was sich so erhält, das ist ein Darben. In menschlichen Träumen, wenigstens, kehrt das Begehren als Erfülltes wieder – doch der Mensch muss aufwachen. Was dem Engel versagt blieb, das klagt der Mensch vor dem Gerichtshof der Geschichte ein oder zieht seinen Widerspruch zurück. Die Geschichte ist unwiederbringbar – aber das Bewusstsein ist gegenwärtig. Mit der Geburt hat der Mensch eine Welt gewonnen und sich ihr entfremdet. Seine Aufgabe nunmehr: die Versöhnung mit ihr –ideell und als Erfüllung der Begierde. Er weiß um sich nicht als Mängelwesen, sondern weiß um die akzidentiellen Mängel, die es aufzuheben gilt. Auch lieben soll er. Doch die Frage nach der bestimmten Liebe wurde zur Frage nach der bestimmten Negation: Ist die irdische, diesseitige Liebe nicht möglich, so verbleibt sie doch wenigstens im Geiste, der sich nunmehr gegen die Versagung rüstet.
Einmal fragten die Menschen die Zeit: Wann wirst du endlich anhalten und endlich sein, wie wir es sind? Es wird langsam Zeit, dass du dich selbst erkennst! Die Zeit entgegnet: An sich bin ich die Unendlichkeit – für sich bin ich die schlechte Unendlichkeit.
Die Menschen ahnten nicht, dass die Sprache der Zeit eine Schwierigkeit birgt. Denn mit „schlechter Unendlichkeit“ meint die Zeit bloß, dass sie einfache und darum abstrakte Unendlichkeit ist – es ist ein altes Wort für „schlicht“. Die Menschen aber nahmen die Zeit wiederum beim Wort: in der einfachen Bedeutung, dass es um ihre historische Lage schlecht bestellt ist. Und dass sie den Schein der Unendlichkeit an sich hat.
Endliche Wesen sind die Menschen bloß, darum machen sie Fehler und missverstehen die Zeit: Für uns bist du nicht mehr als das Schlechte. Wir brauchen aber eine gute Zeit.
Döner für Studenten, nur 2 Euro.
In einer langen, breiten Straße voller Ramschläden und Imbissbuden ging Gustav seinem Hunger nach und bestellte einen Döner in einem Dönerladen mit dem Schild „Kebap Döner“. Vorbei kam ein scheinbar Bekannter des Dönermenschens, sie spaßten etwas miteinander, der Kunde erzählte dem Dönermenschen seine Kundentreue.
„Ein bisschen Spaß im Leben muss sein!“ singt leicht der Spießarbeiter. Salat alles, Knoblauch und scharf bitte. Als Gustav in seinen fettigen, aber schmeckenden Döner biss, meinte der Verkäufer es sei so heiß draußen und sang weiter sein eigens improvisiertes Lied. „Heiß, sehr heiß, allerdings.“
Eine Frage: Warum muss man so fröhlich sein? – „Man muss im Geschäft immer fröhlich sein. Immer lächeln, immer lächeln. Bei Freunde und Familie nein, aber im Geschäft muss man immer fröhlich sein. Lalala…“ – „Bei mir können sie auch traurig sein.“ – „Aber ich bin fröhlich, man muss ein bisschen Spaß im Leben haben. Im Geschäft muss man immer gut gelaunt sein.“
Gustav schweigte und biss abermals in seinen Döner, von dem kleine Stückchen auf den Teller fielen. Er war schweigsam, weil ratlos. Innerer Gedanke: Aber in einer schlechten Welt, da muss man doch seinen Menschen mitteilen, dass man traurig ist, dann kann man darüber reden, geteiltes Leid ist weniger Leid – das Subjekt muss die Verhältnisse spiegeln. Doch es ist ein Theater, Charaktermasken. Hinaus: Ciao. Der Verkäufer war im hinteren Dönerbudenteil mit irgendwas beschäftigt und rief mit großem Lächeln: Ciao! und etwas Unverständliches nach.
Es ist einer dieser Brechtschen Menschen, eine Realkarikatur der fröhlichen Ich-AG im Neoliberalismus.
Ich finde überhaupt ethische Debatten einfach nicht sinnvoll. Es sind letztendlich Sprachakte, die aus sind Menschen zu tadeln oder zu loben. Wie begründet auch immer. Daraus werden heute ganze Weltanschauungen gebaut, z.B. Leute, die „ethischen Konsum“ einfordern, dann Leute die „gegen Sexismus“ sind, Leute die gegen „rassistischen Inhalt“ sind.
So inhaltlich sie auch richtig mögen – und ich gehe da weit mit –, so sehr moralisieren sie bloß mit ihrer Diskurspraxis. Dabei gelte es doch gesellschaftliche Kritik zu üben, die – eben gesellschaftlichen Horizont hat. Was da an Festivals für „Kritik“ geübt wird, das betrifft einen partikularen sozialen Raum, der bestimmte Handlungen lobt und tadelt.
Ist diese Perspektive nicht allzu eingeschränkt? Es reicht nicht das Ganze zu erwähnen und dann seinen partikularen Blickwinkel weiterzuführen. Man muss mit dem Ganzen endlich mal ernst machen und allgemeine Kritik üben. Das Wichtigste: sich aber stets bewusst sein, dass man sich in der Gesellschaft zu der Gesellschaft verhält. Diese selbst ernannten „Kritiker“ missverstehen allzu oft ihre soziale Rolle, maßen sich an die „allzumenschlichen Moralgesetzverstößer“ zu belehren.
Dabei gelte es doch diese partikularen Ereignisse, an denen sich das Unbehagen entwickelt, zu einer allgemeinen Theorie zum Begriff zu erheben. Diese Theorie ist das allgemeine Unbehagen in der Gesellschaft, nicht bloß jenes Monieren dort, dieses Lamentieren hier.
Zudem gilt bei diesen ethischen Debatten noch eins zu bedenken: die moralisch ausgebildete und theoretisch versierte Urteilskraft übersieht bei ihrer vernichtenden oder doch mindestens abgrenzungszielstrebenden Kritik ihre eigene Abgrenzung vom O b j e k t d e r K r i t i k. Dieses Objekt der Kritik ist doch gerade der Gegenstand der Auseinandersetzung. Einfach zu sagen: sie entsprechen nicht meinem emanzipatotischen Ideal ist so viel wie: dieses Theaterstück gefällt mir nicht, ich gehe nach Hause.
Es ist grundbürgerliche Kritik, die nicht erkennt, dass die Kritik selbst schon so schlecht ist wie das Objekt der Kritik. Das Kritikersubjekt wähnt gegenüber seinem Objekt erhaben, doch sieht nicht, dass es – in dem es das Objekt erkennt – in das Objekt eintaucht. So wie der Satz „Gott ist das Sein“ nicht nur meint, dass Gott ist, sondern dass das Sein auch göttlich ist.
Damit folgt auch: die Kritik – und damit das vollziehende Subjekt – muss sich im Klaren sein, dass sie nie besser als das kritisierte Objekt ist, so lange sie nicht über das Objekt hinaus ist. Aber dazu müsste sich das Objekt erst einmal ändern. Es müsste sich über die Kritik erheben, sie aufheben – sie obsolet machen. Das war Adornos Einsicht, die heute so unendlich im Satz „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ verschwommen wiederkommt. Das ist kein Freifahrtschein zur Resignation, sondern fordert die Anstrengung des Negativen auf sich zu nehmen, sich radikal mit der Welt in eins zu setzen und die Welt als das Unbehagen, das noch einmal im Subjekt pulsiert, zu erfahren und die Kritik schließlich an die Welt zu richten, wohin sie verdammt nochmal auch gehört.
Es ist die banale Einsicht: hat man sich von einem Teil der Welt abgewandt, weil sie dem Ideal nicht entspricht, so hat man vielmehr einen Teil der Welt verloren. Dabei gilt es hinzuschauen, „beim Negativen zu verweilen“. Es permanent in den geistigen Prozess zu integrieren, nicht für ein abgekatertes Spiel zu erklären, sondern dem Elend ins Anlitz zu gaffen.
Ethische Kritik verweilt bloß beim Subjekt (bei sich selbst), versteht die Welt nicht, wähnt sich über das kritisierte Objekt erhaben und fällt deshalb unter des Objekt. Im doppelten Sinn: das Niveau ist tiefer, da es die Sache als solche nicht einmal erreicht hat. Und es fällt unter sie im Sinne der Subsumtion, in dem Sinne, dass sie nicht anders ist, als das kritisierte Objekt: schlecht.
Deshalb: Theorie statt ethischer Gerichtshof.
Die Welt ist, was der Unfall ist
Totalität ist Mangel
Sein vernichtet:
Substanz ist ein accident
Alles fließt, als Schlamm
Raum implodiert
Zeit erstarrt
Die Bedingung der Möglichkeit ist
Unbedingte Unmöglichkeit
Zufall ist Unfall
Notwendigkeit ist Not
Logik hat sich verrechnet
Analyse zergliedert
Bis es stirbt
Reflexion blendet
Beobachtende Vernunft im Dunkeln
Mannigfaltigkeit zusammengefaltet
Das Besondere ist im Nichtgemeinen enthalten
Sprache spricht das Unaussprechbare
Weil nichts gesagt wird
Der Weltgeist gibt zu: es geht unvernünftig zu
Die Philosophie liegt am Boden
Erhebt sich höher als die Metaphysik:
Sie ist die Pathologie der Zeit
Sie ist keine Therapie, sondern
Das Fieberthermometer
Einmal fragte man Gustav, was das Schwierigste der Welt sei. Antwort: Unter Menschen zu sein. Er verstehe sie gar nicht. Deswegen versteht er sie absolut. Er hat kein Platz unter Menschen, deshalb ist ihm jeder Platz der Gesellschaft reserviert. Aber eben nur halb. Ein Mensch zu sein, meinte er stets, bedeutet als Menschen zu sein. Wer aber so sehr vom Menschen redet, tut das nicht ohne Grund.
Gustav führt kein Tagebuch, er ist es. Darin steht geschrieben: Denken und Sein von Gustav ist mangelhaft. Seht ihr Menschen! er ist ein Mangelwesen. Die kleinste Einheit Mensch ist eins. Aber ein Mensch ist damit mehr als zwei. Denn er weist über sich hinaus, die Form des Menschen ist bereits der Übermensch.
Dieser Überschuss an Menschsein hat der Mensch in anderen Menschen. Sie organisieren sich zu einer lebendigen Ordnung, bilden Gruppen, vermenschlichen sich. Gustav hingegen wandert freiwillig alleine – und zwingt sich dazu. Er ist sich bewusst, dass jede Verbindung mit den Menschen ihn in eine Bindung führt und Trennungen sind schmerzhaft. Also lebt er permanent getrennt in permanentem Schmerz.
Mensch, dachte Gustav, das muss ein Wort sein wie „Welt“ oder „Sein“. Allerlei Unfug lässt sich drüber sagen, anthropologische Spinnerei – im wörtlichen Sinne! Doch eins lässt sich nicht ausdrücken: dass der Mensch sich selbst ein Unbehagen ist. Er schaut sich und seine Menschen an und selbst wenn er sich oder sie in der dritten Person sieht – er bleibt doch die erste. Und doch kann man darüber nicht schweigen.
Wenn er sich vorstellte ein Engel zu sein – Engelein gibt es viele, wie die Menschen, aber Gott wäre schon allumfassend –, so wäre sein Menschsein vollkommen. Doch Gustav wird nahezu noch müder beim Andenken ein Engel zu sein. Die Vollkommenheit ist restlos, da ist keine Kontingenz mehr, die dem Menschen nur so scheint und doch sein ganzes Leben hindurch seine Wahrnehmung ausmacht. Sein Leben ist kontingent.
So bilden die Worte Gustavs keine Ordnung, sonst hätte er Tagebuch geschrieben und die Wörter in Ordnung gebracht. Wenn seine Worte Ordnung hätten, vielleicht wäre er so unter Menschen. Was lässt ihn fehlen? Seine Worte oder er selbst? Die Überschrift seiner Tagebucheinträge lautet: Es ist der Mensch. Wer diesen Satz ausgesprochen hat, hat sich selbst zum Gegenstand gemacht und sich vollkommen entäußert.
Wenn Gustav sich selbst ein Gegenstand vorgestellt ist, dann ist er selbst aber leer. Alleine ist es diese Beziehung des vollkommenen Denkens und des leeren Seins. Unter Menschen ist es das mit Sinn bereicherte Sein und das geteilte Denken – in wie viele Teile auch immer. Deshalb ist das Schwierigste unter Menschen zu sein. Denn das Denken ist sich selbst stets vollkommen, doch das Sein ist stets ein ungesättigt. Das ist das Schwierigste der Welt: als Mensch unter Menschen zu sein.


